„Superwoman ist tot“

Claudia Witzemann, WeXelerate

Start-ups. Claudia Witzemann vermittelt zwischen etablierten Konzernen und der Start-up-Welt, aber auch zwischen männlichen und weiblichen Gründern. Von Letzteren könnte es mehr geben.

Wer Start-ups mit Garagen und umgebauten Jugendzimmern assoziiert, staunt erst einmal. Betritt man die Räumlichkeiten von WeXelerate, wähnt man sich in einem Hipsterparadies. Beste City-Lage, weite Räume auf mehreren Etagen, schicke Möbel, alles durchgestylt. Hier lässt es sich gründen.

WeXelerate ist, wie der Name ahnen lässt, ein Accelerator, der Erfolg versprechenden Start-ups auf vielerlei Art durch die ersten vier Monate hilft. Finanziert werden Lokalität und Programm von den „Companies“, großen heimischen Unternehmen wie Borealis, Hervis, Spar, Raiffeisen oder Uniqa, um nur einige zu nennen. Sie brauchen dringend Innovationen, um ihr altes Geschäft ins digitale Zeitalter zu retten – jene Innovationen, an denen die Start-ups (hoffentlich) arbeiten.

140 solcher Start-ups begleitete Geschäftsführerin Claudia Witzemann in den 16 Monaten seit Gründung von WeXelerate. Gibt es Muster, welche Start-ups überleben und welche nicht?

„Dafür sind 16 Monate zu kurz“, überlegt Witzemann, die eigentlich Doktorin der Physik ist. Laut Faustregel überlebt eines von hundert, „aber wir nehmen nur solche mit solidem Businessplan auf“. Dabei machte sie einige Beobachtungen, die überraschend viele Geschlechterrollen spiegeln.

Zuerst einmal: Von ihren 140 Start-ups wurden nur drei von Frauen gegründet. Zwar spielen Frauen in acht von zehn Teams eine Rolle, an vorderster Gründerfront stehen sie aber nicht. Sie werden eher aufgenommen, wenn das (männliche) Kernteam erstmals skaliert, kaufmännische Kompetenz zukauft oder Marketing und Vertrieb aufstellt.

Haben denn Frauen weniger Ideen? „Nein“, widerspricht Witzemann, „sie führen nur früher ein selbstständiges Leben.“ Mit eigener Wohnung und anderen Fixkosten ließen sie sich auf keine Experimente ein – „irgendwer muss ja die Miete zahlen“. Frauen gründeten erst, wenn sie sich ihrer Sache sicher seien. Und wenn sie auch wirklich alle Ausbildungen hätten: „Noch ein Lehrgang und noch einer. Frauen bilden sich zu Tode.“

Hotel Mama

Junge Männer hingegen lebten zum Zeitpunkt des Gründens oft noch bei ihren Eltern. „Wenn sie ein halbes Jahr nichts verdienen, macht das nichts.“ Auch beim Pitchen zeigten sie sich „mutiger, positiv ausgedrückt. Manchmal übertrieben mutig.“

Innovative Ideen von Frauen zielten eher auf Social Start-ups. Weil die Interessen anders gelagert sind: Frauen denken sozial, Männer techniklastig.

Spätestens beim Skalieren aber benötigten Männer das weibliche Gegengewicht. Witzemann beschreibt drei archetypische Gründerfreunde, die Tag und Nacht zusammen an einer App programmieren, „wie in einer WG“. Meinen sie, Verstärkung zu brauchen, suchen sie sich wieder einen Kollegen vom Typ Programmierer: „Sie machen sich keine Gedanken zur Firmenkultur. Wenn eines unserer Start-ups die Hilfe von Personalberatern braucht, dann garantiert ein Männerteam.“

Frauen hätten hier das bessere Sensorium und planten – Überraschung – strukturierter und nachhaltiger. Und sie kommunizierten besser. „Im Programm sitzen Männer oft nebeneinander und wissen nichts über den anderen. Frauen wissen alles.“ Dennoch: Frauennetzwerke genügen nicht. „Wenn 99 Prozent aller Geschäftsführer Männer sind, muss man sich Männernetzen stellen.“ Das sei nichts Böses, meint Witzemann, „bloß historisch so gewachsen“.

„Mach' es dir recht“

Die Mittlerin zwischen den Welten rät jedem, sich Vorbilder und Leitfiguren zu suchen. Sie selbst hat zwei: Kennedy-Nichte Maria Shriver, die ihr als junge Studentin „Superwoman is dead“ zuraunte, sinngemäß: „Lass dich in keine Klischees drücken. Konzentriere dich auf das, was du willst.“ Ihr zweites Vorbild ist Facebook-Co-Chefin Sheryl Sandberg. „Sie sagte mir: Du kannst es nicht jedem recht machen. Mach' es dir recht.“

Nach fünf Jahren, rechnet Witzemann, wird die Hälfte ihrer Start-ups noch im Markt sein. Nicht unbedingt mit den originären Gründern: „Wer das Gen hat, will keine etablierte Firma führen. Sondern noch einmal gründen.“

AUF EINEN BLICK

Mit WeXelerate leitet Claudia Witzemann den nach eigenen Angaben größten Innovations-Hub in Mittel- und Osteuropa. Auf 9000 m? bilden Start-ups, in Coworking Spaces oder fest ansässig, kapitalgebende Unternehmen (z. B. Andritz, Borealis, Hervis, Palfinger, Raiffeisen, T-Mobile, Wüstenrot u. v. a.) und unterstützende Dienstleister (z. B. KPMG, Schönherr RA u. a.) ein eigenes, sich ständig austauschendes Öko-system. Bisher durchliefen 140 Start-ups das viermonatige Programm.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2018)