Wohnkonzepte für Alleinerziehende

Allein erziehen, gemeinsam wohnen

Rendering Wolfganggasse 12.
Rendering Wolfganggasse 12.Gerner Gerner Plus

Ihre Zahl wächst stetig, nun werden die Bedürfnisse von alleinerziehenden Eltern im sozialen Wohnbau auch stärker berücksichtigt. Beispielsweise im Projekt Wolfganggasse in Wien Meidling.

Rund 33.400 Haushalte von Alleinerziehenden gab es in Wien nach Angaben des Institutes für Familienforschung der Uni Wien im Jahr 2016, ein Zuwachs von guten 25 Prozent gegenüber der vorigen Erhebung aus dem Jahr 2011. Eine Entwicklung, der inzwischen auch der soziale Wohnbau Rechnung tragen muss, und es auch tut, wie Matthias Bresseleers, Partner bei Gerner Gerner Plus Architekten, berichtet. „Ich habe erst kürzlich zwei Ausschreibungen gesehen, bei denen die Berücksichtigung der Bedürfnisse von Alleinerziehern ausdrücklich gefordert wurde, das war bis vor Kurzem eher noch kein Thema“, berichtet er. An einer dieser beiden Ausschreibungen für das Projekt Wolfganggasse hat Bresseleers dann auch teilgenommen und diese gewonnen. Um sich dann gemeinsam mit Christian Seethaler, Geschäftsleiter von M&S Architekten, an die Ausarbeitung von Wohnformen und Ideen zu machen, die Alleinerziehenden ihre Aufgaben erleichtert und sie in ihrem Alltag unterstützt.

Flexible Raumaufteilung

„Wobei man zunächst einmal klarstellen muss, dass es den oder die Alleinerziehende nicht gibt“, betont Bresseleers, und auch Seethaler unterstreicht, dass sich hier um keine homogene Gruppe handelt: „Es gibt natürlich gut situierte getrennt Lebende oder Geschiedene“, so der Architekt, „aber 80 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen, die meist zwei große Probleme haben: zu wenig Zeit und zu wenig Geld.“ Und genau diese 80 Prozent brauchen günstige Wohnungen in kinderfreundlicher Umgebung. Bedürfnisse, denen unter anderem auf dem Gelände der ehemaligen Remise im zwölften Bezirk Rechnung getragen werden soll. Hier entstehen im Rahmen der Wiener Wohnbau-Offensive zwischen Gürtel, Eichenstraße, Wolfganggasse und Flurschützstraße bis 2020 auf 31.000 Quadratmetern rund 850 Wohnungen, die neben einem Wohn- und Pflege- sowie einem Lehrlingsheim und Werkstätten vor allem Alleinerziehende im Blick haben.

„Für alleinerziehende Mütter und Väter ist die Möglichkeit einer flexiblen Raumaufteilung sehr wichtig, das Wohnmodell für Alleinerziehende im Wohnquartier Wolfganggasse soll darüber hinaus noch ein sozial unterstützendes Wohnumfeld sowie Gemeinschaftsräume bieten, die als erweiterte Wohnzimmer dienen“, beschreibt Frauen- und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal die Anforderungen, die in der Ausschreibung vorgegeben waren.
Anforderungen, die Seethaler und Bresseleers nun mit einem durchdachten Konzept Realität werden lassen sollen. „Ganz wichtig war uns dabei, die alleinerziehenden Bewohner gut in die Nachbarschaft einzubetten, weshalb diese Wohnungen über das gesamte Gebiet verteilt sind“, erklärt Seethaler, warum es im Wohnquartier Wolfganggasse sicher keine „Alleinerzieherstiege“ geben wird.

Dem Bedürfnis nach günstigen Wohnungen tragen die Architekten mit durchdachten Konzepten und sogenannten Smart-Wohnungen Rechnung, die noch einmal bis zu fünf Quadratmeter kleiner sind als die klassischen Typ-B-Wohnungen, wie Bresseleers erklärt, dafür aber so durchdacht konzipiert, dass sich nur die Miete, nicht aber die Lebensqualität verringert – „und es außerdem zumeist noch einen Balkon gibt“, so der Architekt. An der Tatsache, dass leistbarer Raum für Alleinerziehende knapp bemessen ist, ändert das aber nichts. „Grundsätzlich bestehen diese Typ-B-Wohnungen für einen alleinerziehenden Elternteil mit einem Kind aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer, wobei fast immer das Kind ein eigenes Zimmer hat und die Mutter oder der Vater im Wohnzimmer schläft“, erklärt Seethaler. Was beispielsweise mit Kindern in der Pubertät für beide Seiten zur Belastung werden kann – weshalb bei den Planungen die Schaffung zusätzlicher Räume im Mittelpunkt stand, in die sich beide Seiten bei Bedarf zurückziehen können. (sma)

Die neuen Raumkonzepte zum Alleinerzieher-Wohnen

Idee 1: Wohngruppen-Cluster. Mehrere Einzelwohnungen werden um einen Gemeinschaftsraum herum gruppiert, der als gemeinsamer Wohnraum genutzt wird. Hier können Aktivitäten mit den Kindern stattfinden, oder es kann wechselseitig auf die Kinder geschaut werden, ohne dass der nachbarschaftliche „Babysitter“ die eigenen vier Wände verlassen muss.
Idee 2: Ausweichräume. Eine Vielzahl kleiner Gemeinschaftsräume in der Wohnanlage geben Gestaltungsfreiheit und zusätzlichen Raum: Vom Fünf-Quadratmeter-Büro mit Schreibtisch für Hausübungen oder Erwachsenenpapierkram bis zu Joker-Räumen, in denen wahlweise ein Gast untergebracht werden kann – oder auch mal ein Teenager, wenn beide Seiten ein wenig Abstand brauchen.
Idee 3: Gemeinschaftsräume. Neben neuen Ideen sind auch durchdachte Neuinterpretationen alter Erfolgskonzepte hilfreich: Etwa Waschküchen, die nicht im Keller, sondern an einsehbare Spielflächen und Gemeinschaftsküchen angebunden sind – so können die Kinder beaufsichtigt spielen, während Erwachsene die Arbeit erledigen und Kontakte knüpfen können.