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Rückkehr des Terrors: Die Achillesferse Russlands

Rueckkehr Terrors Achillesferse Russlands
(c) EPA (MAXIM SHIPENKOV)
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Nach den blutigen Anschlägen auf die Moskauer U-Bahn richtet sich der Verdacht gegen Islamisten. 38 Tote haben die Attentate gefordert. Die Polizei verfolgt die Spur der Attentäter in den Nordkaukasus, wo radikale Kräfte florieren.

MOSKAU. „Die Hunde freuen sich, wenn man bei uns jemanden tötet, und sie denken, dass das Leid sie nie ereilen würde! Da aber ist es, ihr Leid, die Antwort kam schnell, Lob sei Allah!“ Die Mitteilung, die der Leiter des Forums auf der Internetseite kavkazchat.com am Montag platziert hat, ist kein Bekennerschreiben zu den Terroranschlägen in Moskaus U-Bahn, bei denen am Montag Dutzende Personen ums Leben gekommen sind (mehr ...). In der Diktion freilich erinnern die Zeilen an die Zeit von vor fünf bis sieben Jahren, als Attentate kaukasischer Extremisten als Rache für den russischen Militäreinsatz im nordkaukasischen Tschetschenien gang und gäbe waren.

Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew und Premier Wladimir Putin drohten in ersten Reaktionen mit der Fortsetzung des „Krieges gegen den Terror“ und der „Vernichtung“ der Attentäter.

Sollte sich der kaukasische Hintergrund bestätigen, wäre dies nicht das katastrophalste Statement des unseligen Wirkens der Extremisten, das symbolträchtigste wäre es allemal: Die mutmaßlichen Selbstmordattentäterinnen zündeten die Sprengstoffgürtel in der U-Bahn-Station – über der sich der Inlandsgeheimdienst FSB befindet – und nahe der Militärakademie. Die Botschaft scheint klar: Wir können nach wie vor bis zum Innersten der russischen Zentralmacht vordringen.

Auch das mögliche Motiv der Rache springt ins Auge. In letzter Zeit hat Russland einige Anführer des Untergrundes im Nordkaukasus ausgeschaltet, darunter den islamistischen Ideologen Said Burjatskij, der als Drahtzieher des Sprengstoffanschlags auf den Schnellzug zwischen Moskau und St. Petersburg im vergangenen November ausgemacht worden war.

Vor allem die Republik Inguschetien wird nach Widerstandszellen durchkämmt. Vor Jahren noch größtes Auffanglager für Flüchtlinge aus dem benachbarten Tschetschenien, ist Inguschetien neben Dagestan zum größten Unruheherd geworden. Während in Tschetschenien mithilfe des moskautreuen Präsidenten Ramsan Kadyrow relative Ruhe eingekehrt ist, sind in Inguschetien im Vorjahr Regierungsvertreter nahezu im Wochenrhythmus gestorben.

 

Armut facht Extremismus an

Hat Wladimir Putin über Jahre suggestiv von der Kontrolle über den Nordkaukasus gesprochen, so hat der neue Präsident Medwedjew das Gebiet als größtes innenpolitisches Problem bezeichnet. Ende Jänner hat er sieben Republiken der Gegend zu einem eigenen Föderationsbezirk zusammengefasst. Wider Erwarten wird dieser nicht von einem Offizier, sondern vom 44-jährigen Alexandr Chloponin, einem erfahrenen Manager aus der Privatwirtschaft, geleitet. Moskau hoffe auf das Wunder politischer und sozialökonomischer Stabilisierung, sagen Kritiker.

Die soziale und ökonomische Katastrophe mit Massenarmut und Arbeitslosigkeit ist der Nährboden, auf dem radikale und islamistische Kräfte florieren, meint Alexej Malaschenko vom Moskauer Carnegie-Zentrum. Dazu kämen Entfremdung von Moskau, die Tradition der Blutrache, kriminelle Abrechnungen und Korruption.

Gerade einmal sechs Millionen Menschen zählt der Nordkaukasus, jedoch zersplittert in Dutzende Ethnien und Sprachgruppen. Seit Jahrhunderten versucht Moskau, Herr der Lage zu werden, vielfach mit Gewalt. Stalin deportierte ganze Völker. Die Separationsbestrebungen der Tschetschenen führten in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre zum ersten Tschetschenien-Krieg, dem zusammen mit dem zweiten über 100.000 Menschen zum Opfer fielen.

Heute habe allein das Innenministerium dort 23.000Soldaten stationiert, meinte deren Oberbefehlshaber, Nikolaj Rogoschkin. Etwa 500 „Bandenmitglieder“ seien in der Gegend aktiv.

 

Träume von „Kaukasus-Emirat“

Der meistgesuchte Rebellenführer ist Doku Umarow. Der 45-Jährige bezeichnet sich selbst als „Emir“ eines abstrusen „Kaukasischen Emirats“. Er werde ein Viertel von Russlands Territorium erobern, ließ er kürzlich wissen. Kadyrow wollte ihn noch 2009 vernichten. Aber alle Todesmeldungen mussten revidiert werden. Im Interview mit der „Presse“ im vergangenen Jahr sagte Kadyrow, Leute aus diesem Emirat hätten bei dem Tschetschenenmord im Jänner 2009 in Wien die Finger im Spiel gehabt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2010)