Schnellauswahl

Die Verschiebung der Kräfte in Syrien

Von der Türkei unterstützte Milizen sind auf dem Weg in Richtung Manbij - sie treffen dort auf Truppen der Regierung.
Von der Türkei unterstützte Milizen sind auf dem Weg in Richtung Manbij - sie treffen dort auf Truppen der Regierung.APA/AFP/NAZEER AL-KHATIB

Die Ankündigung der USA, die Truppen abzuziehen, sorgt in Syrien für Frontenverschiebungen. Um der Türkei zuvorzukommen, besetzt die syrische Regierung Manbij. Doch auch die Türkei mobilisiert ihre Truppen und will den Kurden "eine Lektion erteilen".

Der Syrienkrieg ist nicht einfach A gegen B. Er ist ein Krieg Rebellen gegen Regierung, Kurden gegen Türkei, USA gegen den IS. Und all diese Konflikte und Kämpfe haben Auswirkungen auf andere Konfliktzonen - sie interferieren. Eine Ankündigung der USA, die Truppen abzuziehen, führte im Norden von Syrien nun zu einer ersten Machtverschiebung und zur Erorberung von Manbij durch syrische Regierungseinheiten - auf Wunsch der Kurden, die die Stadt bisher gehalten hatten.

Von der Türkei unterstützte Rebellen sind nach eigenen Angaben auf dem Weg zur syrischen Stadt Manbij. Damit droht ein Aufeinandertreffen mit Truppen von Präsident Bashar al-Assad. Die Konvois bewegten sich zusammen mit den türkischen Streitkräften auf die Frontlinien in Manbij zu, in "voller Bereitschaft, militärische Operationen zur Befreiung der Stadt zu starten".

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan betont, dass die Gebiete um die nördlich gelegene Stadt zu Syrien gehörten. Aber: "Unser Ziel ist es, der YPG eine Lektion zu erteilen und wir sind gewillt, dies zu tun", sagte Erdogan am Freitag vor Journalisten.

Die Türkei wolle sicherstellen, dass "alle Terrorgruppen das Gebiet verlassen", so der türkische Präsident. "Für uns wird nichts mehr zu tun sein, wenn die Terrorgruppen verschwinden." Es sei noch unklar, ob die syrische Armee die Kontrolle über Manbij übernommen habe.

Ein Dorn in Erdogans Auge

Die Präsenz der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) westlich des Euphrat im Norden Syriens ist der Türkei schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Im Juni vereinbarte Ankara mit Washington, dass sich die YPG-Kämpfer aus der strategisch wichtigen Stadt Manbij zurückziehen sollten, doch dieser Beschluss wurde nie umgesetzt.

Die Türkei betrachtet die YPG als Terrororganisation, weil sie enge Verbindungen zur Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unterhalten, die seit 1984 gegen den türkischen Staat kämpft. Washington schätzt die Kurdenmiliz dagegen als schlagkräftigen Verbündeten im Kampf gegen die Jihadistenorganisation "Islamischer Staat" (IS).

Nachdem US-Präsident Donald Trump vergangene Woche den Abzug der 2000 US-Soldaten aus Syrien angekündigt hatte, schien sich der Türkei eine Gelegenheit zu bieten für eine groß angelegte türkische Militäroffensive in der Region. Ankara verstärkte bereits seine Truppenpräsenz an der Grenze, protürkische syrische Rebellen setzten sich Richtung Manbij in Marsch. Doch die YPG kamen der Türkei in die Quere und suchten Schutz bei Assad: Am Freitag riefen die Kurden die syrische Armee um Hilfe, die kurz darauf den Einmarsch in Manbij verkündete.

Syrische Truppen im Kurdengebiet
APA

Erst der IS, dann YPG, jetzt die Regierung

Im August 2016 eroberten YPG-Einheiten zusammen mit arabischen Milizen nach monatelangen Gefechten Manbij, das seit Jänner 2014 von der IS-Miliz kontrolliert worden war. Ungeachtet der Proteste der Türkei wurde die Offensive von der internationalen Anti-IS-Koalition unter Führung der USA mit Luftangriffen, Spezialkräften und Waffen unterstützt.

Wenige Tage nach der Einnahme von Manbij startete die Türkei die "Operation Schutzschild Euphrat", um zu verhindern, dass die YPG weiter nach Westen vorrückt. Insbesondere fürchtete Ankara, dass die Kurdenmiliz ein durchgängiges Gebiet bis Afrin unter ihre Kontrolle bringen könnte. In monatelangen Kämpfen vertrieb die türkische Armee die YPG und die IS-Miliz aus der Region von Jarablus, Azaz und Al-Bab - nicht aber aus Manbij.

Konflikt war beigelegt - nur vorläufig

Nachdem die Türkei im März auch die Region Afrin von den YPG erobert hatte, drohte Erdogan, die Offensive auf Manbij und die Kurdengebiete östlich des Euphrat auszudehnen. Da in Manbij US-Soldaten stationiert sind, drohte im Fall eines türkischen Angriffs eine direkte Konfrontation der Nato -Partner. Um den Konflikt zu entschärfen, wurden Verhandlungen aufgenommen.

Bei einem Treffen im Juni vereinbarten der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu und sein US-Kollege Mike Pompeo einen Fahrplan zum Abzug der YPG-Kämpfer aus Manbij. Demnach sollte die Kurdenmiliz die Kontrolle über die mehrheitlich arabische Stadt an eine örtliche Verwaltung abgeben. Auch sollten die YPG-Kämpfer laut Cavusoglu die Waffen zurückgeben, die sie von den USA für den Kampf gegen die IS-Miliz erhalten hatten.

USA verblieben als Puffer

Direkt nach der Vereinbarung meldeten die YPG den Abzug ihrer "Militärberater" aus Manbij, doch kritisierte die Türkei, dass weiter YPG-Kämpfer in der Stadt seien. Als vertrauensbildende Maßnahmen begannen Anfang Oktober türkische und US-Soldaten, für gemeinsame Patrouillen in der Region von Manbij zu trainieren. Anfang November fand dann die erste Patrouille nahe der Stadt statt.

Nachdem die türkische Armee wiederholt YPG-Stellungen jenseits der Grenze beschossen hatte, verkündete das Pentagon am 11. Dezember die Errichtung mehrerer "Beobachtungsposten" in Grenznähe, um Zusammenstöße zwischen ihren verfeindeten Verbündeten zu verhindern.

(APA/AFP)