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Amos Oz ist tot: Er schrieb Liebe in die politische Finsternis

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Er liebte Europa „mit kalter Wut“: Amos Oz (1939–2018).APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK
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Dem am Freitag verstorbenen Amos Oz verdankt die Welt einen der schönsten autobiografischen Romane – und jahrzehntelangen intellektuellen Einsatz für einen Frieden in Nahost. Europas Schwarzweißdenker geißelte er zeitlebens.

Elf Jahre ist es nun her, dass Amos Oz ins herbstliche Waldviertel kam, um sich bei Rudolf Scholtens damals noch neuem österreichischen Festival „Literatur im Nebel“ feiern zu lassen. Er hatte in Spanien gerade den Prinz-von-Asturien-Preis bekommen und, so hieß es, sogar ein Essen mit dem dortigen König ausgeschlagen, um nach Heidenreichstein zu kommen. Oz war – auch im Vergleich zum Star des Vorjahrs, Salman Rushdie – ein leiser, zurückhaltender Gast. Das Gefeiertwerden war ihm wohl nur deswegen erträglich, weil es nicht um seine Person ging, sondern um seine Bücher. Bücher eines „Magiers“ der neuen hebräischen Sprache, wie der österreichische Essayist Doron Rabinovici ihn damals nannte – eines „Wahrsagers der Worte“.

Europäer „schreiben Petitionen“

Dem israelischen Schriftsteller Amos Oz, der nun 79-jährig an Krebs verstorben ist, verdankt die Welt einen der schönsten autobiografischen Romane der letzten Jahrzehnte: die „Geschichte von Liebe und Finsternis“. Und sie hatte in ihm einen zornigen, seit seiner Mitgründung der Peace-Now-Bewegung Ende der Siebzigerjahre für einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern eintretenden Intellektuellen.
Nicht müde wurde der Nachkomme osteuropäischer Juden, Europas antizionistische Palästina- und kompromisslose Israelpartisanen daran zu erinnern, dass es in diesem Konflikt nicht „Gut“ und „Böse“ gibt. Europäer denken gern in Schwarzweißkategorien, meinte er: „Sie schreiben Petitionen für die Guten, demonstrieren gegen die Bösen, dann gehen sie zufrieden zu Bett.“ Dabei müssten sie nicht für eine der beiden Parteien sein – nur für den Frieden.

So langer Einsatz braucht Stärke – und den trug der Großneffe eines zionistischen, von Vilnius 1933 nach Palästina ausgewanderten Gelehrten schon im selbstgewählten Namen: Oz, wörtlich „Stärke, Kraft“, suchte Amos sich als Teenager statt seinem Familiennamen Klausner als neuen Namen aus. Er versuchte damals, 1954, eine neue Existenz in einem Kibbuz, nachdem seine Mutter Selbstmord begangen hatte.

Selbstmord und der Schmerz des Kindes

Eine Kindheit, geprägt vom seelischen und körperlichen Untergang der Mutter – davon erzählt Amos Oz auch in seinem 2002 erschienenen Roman „Geschichte von Liebe und Finsternis“. Zugleich ist dieser Roman viel, viel mehr. Er ist eine Geschichte wie eine russische Puppe, voller Geschichten, die wieder Geschichten bergen. Oz schreibt vom Aufblühen des gerade erst geschaffenen Staates Israel und dem baldigen Welken großer Hoffnungen. Von einem Buben, der das Schreiben und die Bücher (als Rettung) entdeckt. Vom Leben seiner Großeltern und seiner Mutter im Osteuropa der Vorkriegszeit. Und mittendrin sind die schneidendem Splitter der schmerzhaftesten Geschichte gestreut: jene vom Leiden des Buben am Leiden der Mutter, die vor seinen Augen, über Jahre, immer tiefer in Schwermut und Schweigen versinkt. Das ist keine literarische Begegnung mit der Mutter (nur Ahnungen hat der Sohn, was in ihr vorging); es ist vielmehr der Versuch einer Begegnung zwischen dem alten Mann – dem Erzähler – und dem Kind, das er einmal war, und dessen Schmerz er nicht los wird.

Ja, Amos Oz verstand es, über den Schmerz zu schreiben, so wie es sein jüngerer Landsmann David Grossman versteht. Dessen Sohn kam im Jahr von Oz' Besuch in Heidenreichstein als Soldat im Libanon um. Grossmans Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ handelt von einem Mann, der seine Kindheit im Schatten einer (nach ihren KZ-Erfahrungen) depressiven und selbstmordgefährdeten Mutter verlebt hat. Amos Oz wiederum ließ in seinem letzten großen Roman „Judas“ (2014) einen Gelehrten auftreten, der sich die Schuld am Tod seines Sohnes als israelischer Soldat gibt.

War Judas Jesu treuester Jünger?

Die Hauptfigur in diesem Roman aber ist ein junger Mann, der über die Figur des Judas forscht und zu einer erstaunlichen These kommt: dass Judas Jesus gar nicht verraten hat, sondern sein leidenschaftlichster Jünger war. Dass gerade Judas' Glaube an die Kraft Jesu zu dem führte, was die Welt als „Verrat“ ansah. Das war – natürlich – auch ein Nachdenken über vermeintlichen und wahren Verrat in der israelischen Gegenwart. Und, wie alle komplexen Erzählungen dieses Autors, noch viel mehr, auch Liebesgeschichte, jüdische Geistesgeschichte, subtiles Nachdenken über die Welt der Worte.

Für „Judas“ erhielt Oz 2015 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels; auch davor konnte er sich über einen Mangel an Ehrungen auf dem Kontinent seiner Vorfahren nicht beklagen. Menschen wie seine Eltern und Großeltern seien aus tiefsten Herzen europäisch gewesen, sagte er, bevor dieses Europa sie abwiesen habe. „Sie sahen sich nicht als Polen oder Ukrainer, sie waren polyglott und liebten alles an Europa“. Auch er liebe Europa – mit „kalter Wut“.