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Brix: "In der Politik ist es nicht wie bei Max & Moritz"

Brix Politik nicht Moritz
Emil Brix(c) Clemens Fabry
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Emil Brix, der am Gründonnerstag sein Amt als österreichischer Botschafter in London antritt, über Multikultur, Geschichte, den Kampf der Kulturen, den Sinn der Diplomatie – und das Ende der Welt.

„Die Presse“: Spiel der Konzerne, Globalisierung, schwindende Macht der Politik, was können Diplomaten heute noch bewirken?

Emil Brix: Ein Diplomat kann Stimmungen aufnehmen und in beide Richtungen vermitteln beziehungsweise kommunizieren. Ich komme nach London in einer spannenden Zeit, weil Wahlkampf ist und weil der Finanzplatz London darum kämpft, dass er nach der Krise besser dasteht als vorher.

 

Was macht denn ein Botschafter so den ganzen Tag?

Brix: Ein Botschafter muss darauf schauen, was sind die wichtigen Entwicklungen in einem Land, die für Österreich von Bedeutung sind. Er muss bei den Entscheidungsträgern österreichische Positionen erklären.

 

Was denken die Briten über Österreich?

Brix: Die Stimmung gegenüber Österreich ist ambivalent wie in vielen Staaten. Auf der einen Seite gibt es diese sehr sympathischen, positiven Klischees über die Habsburger, Sound of Music, Mozart. Auf der anderen Seite herrscht ein starker Glaube, dass die Österreicher sehr autoritätsgläubig sind und mit ihrer Vergangenheit im 20.Jahrhundert nie ordentlich abgerechnet haben.

 

Die Briten mit ihrem Kolonialreich auch nicht.

Brix: Das sagen mir alle Politiker.

 

Finden Sie das Argument provinziell?

Brix: Es ist ein typisch österreichisches Argument. Man muss bedenken, dass man als größeres Land leichter Dinge verbreiten kann als ein kleineres. Als kleines Land ist man viel abhängiger davon, dass größere Staaten positiv über einen denken.

 

Die meisten Österreicher interessieren sich kaum für Sängerknaben und Lipizzaner.

Brix: Das ist richtig. Das Image und das Land passen eben nicht recht zusammen. Aber Stereotypen sind nun einmal Tanker, die sich sehr schwer bewegen lassen.

 

Aber es gibt ja sicher britische Intellektuelle, die Österreich anders sehen.

Brix: Großbritannien gehört zu den Ländern, in denen Intellektuelle keine öffentliche Rolle spielen. Die Franzosen lieben ihre Intellektuellen. In Großbritannien haben sie – ich muss da als Botschafter vorsichtig formulieren – eine noch zu entwickelnde Rolle.

 

Was gefällt Ihnen an London?

Brix: Es ist eine tolle Stadt, die, was auch immer aus großen Städten wie New York oder Tokio kommt – alles Moderne –, sofort aufnimmt. Es herrscht eine große Vielfalt der Meinungen, wie ich das sonst nirgends in Europa kenne. Man sagt offen und ehrlich, was man denkt und tauscht sich aus. Wenn man unklar formuliert, wird man sofort gefragt: Wie meinen Sie das? Wer anderer Meinung ist, der sagt es einfach. Großbritannien ist viel diskursiver als Österreich. Wir können von diesem Denken, dass Fortschritt auch durch das Austragen von Konflikten entsteht, einiges lernen.

 

Was haben Sie sich vorgenommen, was konkret wollen Sie in London erreichen?

Brix: Die Hauptaufgabe besteht darin, Österreichs starke Position in Osteuropa, am Balkan, im Donauraum, in Großbritannien zu vertreten und Interesse für diesen Raum zu gewinnen. Derzeit wird eine Donauraum-Strategie für die EU-Kommission und von der EU-Kommission entwickelt. Da wollen wir, dass auch Großbritannien ein Partner bei diesen Diskussionen ist.

 

Die Angelsachsen denken vielleicht: Hinterm Eisernen Vorhang ist es noch immer finster.

Brix: Nein, die Briten sind ein pragmatisches Volk, das sehr realpolitisch denkt. Auch die Politik handelt so. Die Devise ist: Der Fall des Eisernen Vorhangs ist 20 Jahre her, wir wollen die Welt mitgestalten.

 

Werden sich die Briten je von ihrem Pfund verabschieden und den Euro übernehmen?

Brix:Das kann ich mir schwer vorstellen. Sie haben ja auch vom Linksverkehr nie Abschied genommen. Ich habe eine Zeitlang geglaubt, vielleicht kann man sie überzeugen, bis ich dann auf Seite eins der „Times“ den Kommentar eines Wissenschaftlers gelesen habe: Schon die Römer fuhren auf der linken Straßenseite, man sieht es an den Spuren der Steine aus dieser Zeit. Das hat er nachgewiesen. Da habe ich es dann aufgegeben. Man muss auch sehen: Die ökonomischen Zyklen in Großbritannien sind anders als im restlichen Europa. Es hat schon seinen Sinn, dass es diese Währungseinheit nicht gibt.

 

Ist der Nationalismus überwunden? Man hat den Eindruck, generell wird er wieder stärker.

Brix: Der Nationalismus ist sicher nicht überwunden. Samuel Huntington hat mit seinem Buch „The Clash of Civilisations“ in der Analyse recht gehabt. Wenn man alles globalisiert, dann bleiben die kulturellen Unterschiede als einziges Differenzierungsmerkmal über. Immer mehr Staaten beginnen, sich kulturell zu differenzieren. Das schafft Abgrenzungsbedarf, Ausgrenzungen und Konfliktsituationen.

Die Oberschicht und die breite Masse, Mittelstand inklusive, klaffen immer weiter auseinander, was auch wirtschaftliche Ursachen hat.

Brix: Zwischen den aufgeklärten Eliten und der größeren Zahl der Bevölkerung ist sicher ein größerer Abstand als er für Europa gut ist, und dieser Abstand ist auch größer als vor 20, 30, 40 Jahren.

 

Welche Probleme sehen Sie noch?

Brix: Wir bauen wieder Kategorien von Geschichtspolitik auf. Wenn man Geschichte verwendet, muss man schauen, wofür und wie und ob man damit Verständnis aufbaut oder nicht. Ein großes Problem scheinen mir auch die Nachbarschaftsfragen.

 

In den Schrebergärten gibt es auch Leute, die seit Jahren nicht miteinander reden und einander alle möglichen Bosheiten antun.

Brix: Politisch sollten wir eigentlich gelernt haben, dass es dort nicht zugeht wie bei Max und Moritz.

 

Die große Weltpolitik ist genau so, wie der kleine Maxi sie sich vorstellt. Ist das nicht so?

Brix: Ich wünsche mir nicht, dass das die Wahrheit ist. Ich bin auch ziemlich überzeugt, dass tausende von Jahren politischer Diskussion etwas gebracht haben, dass wir gelernt haben, anders miteinander umzugehen als es im Alltagsleben oft der Fall ist.

 

Gibt es eine Habsburger-Nostalgie?

Brix:Vielleicht mit dem Herrn Palfrader (Darsteller in „Wir sind Kaiser“, Anm.). Ich finde, er macht das sehr geschickt. Ich finde auch, dass so eine Sendung möglich ist, zeigt eine gewisse Normalisierung zu diesem Teil unserer Geschichte. Es gab auch Zeiten, in denen man sich mit dem Thema überhaupt nur eifernd und geifernd auseinandersetzen konnte.

 

Ökologische Katastrophe, ökonomische Krise, Kriege – was meinen Sie, wird die Welt untergehen oder werden wir im Bett sterben?

Brix: Richten wir uns darauf ein, dass wir auch in 20 Jahren noch immer im Bett sterben werden.

AUSLANDSKULTUR

Im Außenministerium hat der Diplomat, Historiker und Anglist Emil Brix seit September 2002 die Kulturpolitische Sektion geleitet. Er wechselt nun als Botschafter nach London. Der bisherige Botschafter in Rumänien, Martin Eichtinger (*1961), wird neuer Sektionschef der Auslandskultur.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2010)