Dieser Clown weint wirklich

Kindershowstar Jeff (gespielt vom 57-jährigen Jim Carrey) ist allein und verzweifelt, aber das darf er in seiner Sendung nicht zeigen. Er fügt sich, er will keinen Ärger machen. Dem Fahrer, der seinen Sohn niedergefahren hat, zahlt er sogar die Miete.
Kindershowstar Jeff (gespielt vom 57-jährigen Jim Carrey) ist allein und verzweifelt, aber das darf er in seiner Sendung nicht zeigen. Er fügt sich, er will keinen Ärger machen. Dem Fahrer, der seinen Sohn niedergefahren hat, zahlt er sogar die Miete.(C) Showtime

Jim Carrey in einer seiner besten Rollen als todtrauriger alternder Showmaster für Kinder: „Kidding“, eine der besten Serien der vergangenen Monate, läuft seit Dezember auf Sky.

Allein wie dieser Showmaster aussieht! Die Haare lang, wie er sie schon am Beginn seiner Karriere trug, da war er noch jung. In Hochwasserhosen und mit bunten Socken, weil das damals jemand für lustig hielt. So kennen die Kinder ihren Mr. Pickles aus dem Fernsehen, so muss er bleiben, auch wenn sich in sein Gesicht schon Falten eingegraben haben (Jim Carrey sieht keine Minute jünger aus als die 57, die er bald wird) und sein Lächeln manchmal reichlich gequält wirkt. Was kein Wunder ist: Jeff verlor vor einem Jahr bei einem Autounfall seinen Sohn. Die Ehe ging darob in die Brüche, die Beziehung zu seinem anderen Sohn ist ziemlich kompliziert, Jeff ist allein und verzweifelt.

Aber all das darf sich in seiner Show nicht zeigen, Jeff ist Jeff, und Mr. Pickles ist Mr. Pickles, das ist das Mantra des Produzenten. Als Jeff eine Show zum Thema Trauer gestaltet, wird sie nicht gesendet, denn die Kinder erwarten harmlose Songs über die Farbe Lila. Als sich Jeff aus Protest einen kahlen Streifen rasiert? Verpasst man ihm ein Toupet. Und Jeff trägt es auch geduldig, denn abgesehen von der einen oder anderen Kurzschlusshandlung ist er ein Mensch, der niemandem Ärger bereiten will und an das Gute glaubt, der nett ist, wirklich nett, und dem Fahrer, der seinen Sohn niederfuhr, weil eine Ampel versagte, die Miete bezahlt. Der Fahrer hat seit dem Unfall einen kaputten Rücken.

 

Man will ihn schütteln oder umarmen

In diesem Spannungsfeld – Güte und Verletztheit, Wut und Nachsicht, Trauer und Verdrängung – entwickelt sich die von Showtime produzierte Serie „Kidding“, die wahnsinnig gescheit und freundlich, komisch und tragisch ist, eine der besten Serienproduktionen der vergangenen Monate – mit einem Jim Carrey, den man entweder schütteln oder umarmen möchte, und mit Nebenfiguren, die allesamt liebevoll und differenziert gezeichnet sind: Da gibt es die Schwester, deren Mann heimlich schwul ist. Als er, von akutem Liebeskummer gebeutelt, sich ihr öffnen will, sagt sie nur: „Kennst du ein glückliches Scheidungskind?“ und dreht sich zur Seite. Gespräch beendet. Da ist Jeffs Ehefrau, die voller Zorn ist und an der sanften Trauer ihres Mannes zerbricht. Und Jeffs Sohn, der Vertrauen zum neuen Freund der Mutter fasst, weil er der Einzige ist, der ihn ansieht und wirklich nur ihn sieht – und nicht auch dazu noch seinen toten Zwillingsbruder.

Das alles ist todtraurig und brutal ehrlich, aber dann doch wieder gar nicht, weil Michel Gondry („Vergiss mein nicht!“) es mit einem Hang zum Traumhaften inszeniert. Da ist manches einfach nur verrückt und anderes wieder sehr alltäglich, Grelles und Sanftes wechseln sich unvorhersehbar ab. Außerdem lässt Dave Holstein, der die Serie für Showtime kreiert hat, uns meistens einen Ausweg offen: In der vierten Folge etwa hat Jeff endlich wieder Sex, sogar richtig guten, am nächsten Tag schreibt er ihr, doch sie schreibt nicht zurück. Was macht er? Er trägt sein Handy zur Reparatur! Es muss kaputt sein! So denkt er, so denkt seine Frau eben nicht, ihr reicht seine rosa Brille und sie rastet aus: Dass er dem Mann, der den Unfall verursacht hat, Geld gebe, sei nicht nett, sondern blöd, der Mann habe sich nicht verletzt, er habe ihn angelogen. Mit ein paar Zaubertricks könne er seinen Sohn nicht vom Kiffen abhalten. Und das Handy sei mitnichten kaputt: Die Frau könne ihn einfach nicht leiden. So sei nun einmal die Welt. Das müsse er endlich einsehen.

Natürlich hat sie recht, aber auch wenn wir das wissen, freuen wir uns trotzdem, wenn in dem Moment das Handy piepst: Seine Angebetete will ihn wiedersehen! Dass sie an Krebs leidet, möchte man da am liebsten gar nicht erwähnen.

Sky Atlantic, zehn Folgen à 30 Minuten. Mit Jim Carrey, kreiert von Dave Holstein, Michel Gondry führt Regie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2019)