Expertenkritik an fehlender Raumplanung. Und was tut die Politik dagegen? Wenig bis nichts. Die räumliche Entwicklung stehe letztlich "unter dem Diktat der Wirtschaftsakteure“.
Zersiedelung durch Einfamilienhäuser und Neubauten auf der grünen Wiese, während Innenstädte veröden: Raumplaner geben in einer Umfrage eine niederschmetternde Diagnose über die Entwicklung der Lebensräume ab. Das „Forum Wissenschaft und Umwelt“ hat 58 Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Herbst 2009 zum Thema „Klimakrise, Wirtschaftskrise – Raumkrise?“ befragt – und nur acht davon beurteilten die Lage als positiv oder „eher positiv“.
Einkaufskonglomerate
Ihr Credo: Der „Flächenwahnsinn im Einzelhandel“ bringe „Gewerbewucherungen“ und „ungeordnete Einkaufskonglomerate“ an der Peripherie hervor. Das wiederum führe dazu, dass städtische Zentren „wirtschaftlich ausgehöhlt“ werden. Es gebe einen ungebrochenen Trend zu Großstrukturen und Großprojekten mit steigendem Verkehrsaufkommen und Energieverbrauch.
Und was tut die Politik dagegen? Wenig bis nichts. Es dominiere einerseits kurzfristiges Denken in Wahlperioden, andererseits verhindere das Kompetenzgewirr des Föderalismus vernünftige Planung, konstatieren die Befragten. Die räumliche Entwicklung stehe letztlich „unter dem Diktat der Wirtschaftsakteure“. Raumordnung werde daher vom Investor und nicht vom Planer bestimmt. In den Kommunen herrschten Kirchturm- und Konkurrenzdenken, Angst vor Machtverlust und fehlendes Problembewusstsein.
Positiv beurteilt werden hauptsächlich regionale Einzelbemühungen: Revitalisierungen, Schutzgebiete, Renaturierung und Bürgerbeteiligung.
Hohe Folgekosten
Aber die Mehrheit der Experten rät zu einer besseren Regulierung des räumlichen Geschehens. Gefordert werden Regionalentwicklungspläne und stärkere Bundeskompetenzen. Der Wohlstand werde deshalb nicht schrumpfen, meinen fast alle. Die unregulierte Entwicklung hingegen bringe zwar dem Einzelnen kurzfristige Vorteile, belaste aber langfristig die Allgemeinheit durch hohe Folgekosten. [Fotolia]
AUF EINEN BLICK
■Verbauen wir unsere Zukunft? Eine Umfrage des „Forums Wissenschaft und Umwelt“ unter 58 Raumplanern in Österreich, Deutschland und der Schweiz ergibt ein eher tristes Bild. Österreich ist innerhalb der EU übrigens Spitzenreiter mit 1,9 Quadratmeter Einkaufsfläche pro Kopf. Deutschland ist Nummer zwei mit 1,4 Quadratmetern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2010)