Die Grenzen der Gastfreundschaft

Venedig könnte schon 2019 Eintrittskarte für Stadtkern einführen
Venedig könnte schon 2019 Eintrittskarte für Stadtkern einführenGetty Images (Marco Di Lauro)

In den Ferien wird es in vielen Innenstädten Europas eng. Die Suche nach Gegenmaßnahmen läuft. Doch zunächst wäre es wichtig, über Tourismus anders nachzudenken – mit weniger und mehr Gefühl.

Enden die Ferien, findet eine Metamorphose statt. Touristen werden wieder zu Bürgern – und ärgern sich daheim über Touristen. 2018 machte der Begriff Overtourism die Runde, der britische „Telegraph“ schlug ihn gar als Wort des Jahres vor. Overtourism meint die negativen Folgen von zu viel Tourismus – Stichwortgeber sind Dubrovnik und die Kreuzfahrtschiffe, Barcelona versus Airbnb etc. Zuletzt häuften sich die Berichte über Gegenwehr: Venedig will, wie auch in der Wachau diskutiert wurde, Eintritt für den Stadtkern verlangen, Rom Touristenbusse aus dem Zentrum verbannen. Und der Wiener Tourismus-Direktor will Touristen zu Stoßzeiten in die Außenbezirke umleiten, z. B. zu den Ziegen am Müllberg am Rautenweg. Noch heuer soll es ein Konzept geben.

Beim ersten Hinhören klingt all das furchtbar kleinlich. Und altbekannt. Betonburgen am Meer, übervolle Strände – Overtourism ist nicht neu, nur weil es ein Wort dafür gibt, oder? Trotzdem ist diesmal etwas anders, es trifft vermehrt Leute, die sich weniger gefallen lassen: Städter. Städteurlaub ist populär, aber anders als in ländlicheren Tourismusregionen, wo viele persönlich profitieren, merkt der Großteil der Städter nur die negativen Folgen. Dazu kommt, dass Städte ohnehin stark wachsen. Auch ohne Touristen ist es in der U-Bahn und am Wohnungsmarkt eng. Und auch ohne Touristen fremdeln viele in Europa mit ihren Innenstädten, weil hier passiert, was die Soziologin Saskia Sassen den Verlust der Mitte nennt: Internationale Investoren kaufen Immobilien auf, aber die Menschen, die dort einziehen, haben andere Bedürfnisse – mehr Luxus, weniger Nahversorger. So kann sich für die Bewohner bald das Gefühl einstellen, eher durch eine Kulisse zu wandeln als durch die eigene Stadt.

Apropos Gefühl: Tatsächlich wurde darüber bislang wenig geredet. Wer über Tourismus spricht, spricht über Zahlen, aber selten über die psychologische Tragfähigkeit der Gastgeber. Wobei die schwer zu messen ist: Overtourism ist ein lokales Mikrophänomen. In einer Großstadt wie Wien fühlen sich die einen bedrängt, die anderen sind belustigt, wenn ein Tourist in der Nachbarschaft vorbeischaut. Weil Touristen so ungleich verteilt sind, ist Umleitung auch die Maßnahme der Stunde. Die jedoch außer Acht lässt, dass viele Besucher „Reiseanfänger“ sind. Nichts gegen die Ziegen am Müllberg – aber wer zum ersten Mal in Wien ist, den wird der Stephansdom mehr interessieren.

Was ist also zu tun? Frech zu erwarten, dass Touristen möglichst unauffällig Geld abliefern, das geht nicht. Wie meist ist es eine mühsame Suche nach maßgeschneiderten Lösungen, nach Balance. Dafür braucht es aber nicht nur mehr, sondern auch weniger Gefühl. Elizabeth Becker, die über Overtourism schrieb, bevor er so hieß, plädiert für eine Entromantisierung des Reisens. Tourismus sei eine Industrie wie jede andere. Wenn ein Artikel ausverkauft sei, werde das ja sonst auch akzeptiert, sagt sie. Nur wenn es um Maßnahmen gegen die Überfüllung von Orten gehe, sei das plötzlich ein Verbrechen an der Gastfreundschaft. Aber genau um die zu erhalten, sollte man lieber früh nüchtern über ihre Grenzen nachdenken. Als Bürger – und Tourist.

ulrike.weiser@diepresse.com   

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2019)