Nach seiner Verletzung im Champions-League-Spiel gegen Bayern München bangten die englischen Fußballfans um den WM-Einsatz des Manchester-United-Torjägers. Rooney wird „nur“ vier Wochen ausfallen.
MANCHESTER. Auf Krücken humpelte Wayne Rooney aus der Münchner Allianz Arena. Das 1:2 im Champions-League-Viertelfinal-Hinspiel war da schon die geringste Sorge der Engländer. Das fußballverrückte Land blickte nur noch auf Rooneys rechten Knöchel. Den hatte er sich im Finish arg lädiert. Ohne Zutun eines Bayernspielers. Der Torschütze zum 1:0 war umgeknickt. Ein fatales Missgeschick. „Bitte lass das nicht den Moment sein, in dem Englands WM-Traum stirbt“, titelte die „Daily Mail“. Und das Boulevardblatt „Sun“ forderte seine Leser sogar auf, für Rooney zu beten.
Da half es auch nicht, wenn United-Coach Alex Ferguson die Verletzung relativierte. „Es schaut nicht so fürchterlich ernst aus“, sagte er. Noch am Mittwoch haben die ersten Röntgenaufnahmen bestätigt, dass es nicht ganz so arg um Englands Fußball steht. Rooney hat eine schwere Verstauchung erlitten und fällt zwischen zwei und vier Wochen aus.
Trotzdem zeigt die Hysterie, welchen Stellenwert Rooney für den englischen Fußball hat. Selbst seriöse Blätter wie die „Times“ nahmen sich in ungewohnt theatralischer Manier des Themas an. „Manchester und England müssen das Schlimmste fürchten“, schrieb die ansonsten für ihren kühlen britischen Stil bekannte Zeitung.
Was macht den 24-Jährigen aus? „Ich gehöre nicht zu den talentiertesten Spielern“, gestand er der FAZ. Aber Rooney kämpft bis zum Umfallen. Rooney spielt nicht mit Köpfchen, sondern mit Instinkt. In 40 Einsätzen brachte er es diese Saison auf 34 Tore. „Wenn der Ball da ist, sollte man einfach das tun, was einem der eigene Körper sagt und sich gut anfühlt“, sagt er.
Vor 44 Jahren holte England den einzigen WM Titel. Seither gab es nur eine Endrunde, bei der das Mutterland des Fußballs mit einer Mannschaft antrat, die echte Titelchancen hatte. 1990 in Italien. Damals scheiterten die Löwen mit Spielern wie Bryan Robson, Gary Lineker und Paul Gascoigne im Semifinale im Elfmeterschießen am späteren Weltmeister Deutschland. Gascoigne hat diese Niederlage seelisch nie verkraftet. Es war der Anfang vom tragischen Ende eines Fußballgenies.
20 Jahre später nennt Franz Beckenbauer England als seinen erklärten WM-Favoriten. Jener Mann, der 1990 Deutschland als Trainer zum Titel geführt hat. Auf die Frage, warum er England so hoch einschätze, antwortet er: „Rooney.“ So verwundert es nicht, dass Rooneys Fehltritt in England mehr Emotionen hervorruft als David Beckhams Achillessehnenriss. Und für Beckham ist die WM gelaufen.
Aber es wäre auch bezeichnend für Rooneys bisherige Karriere, würde er Beckhams Schicksal teilen müssen. Im Vereinsfußball hat er alles erreicht. Noch vor seinem 17. Geburtstag schoss er in seinem ersten Ligaspiel für Everton den 30 Spiele lang ungeschlagenen Tabellenführer Arsenal k.o. Weil man in England erst mit 17 einen Profivertrag unterschreiben darf, verdiente er 400 Pfund (450 Euro) im Monat. Heute kassiert er 40.000 Euro – am Tag. Bei seinem ersten Spiel für United gelang ihm ein Hattrick. Mittlerweile hält er bei drei Meistertiteln und einem Champions-League-Sieg.
Mit dem Team hatte Rooney immer Pech: Bei der EM in Portugal verletzte er sich im Viertelfinale. England schied gegen Portugal im Elfmeterschießen aus. Vor der WM 2006 in Deutschland brach er sich den Mittelfußknochen. Ein sichtlich nicht genesener Rooney spielte schwach und sorgte nur mit einem rüden Foul im Viertelfinale für Aufsehen. Wieder gegen Portugal. Rooney sah Rot, England verlor das Elfmeterschießen.
Wayne Rooney wird nun United am Samstag gegen Chelsea fehlen. Er wird das Rückspiel gegen die Bayern versäumen. Halb so schlimm: Denn England träumt wieder vom WM-Titel.
AUF EINEN BLICK
■Wayne Rooney wird aufgrund einer Knöchelverletzung bis zu vier Wochen pausieren müssen. Die teilweise hysterischen
Reaktionen in der englischen Öffentlichkeit zeigen aber, welche Ausnahmestellung Rooney im Mutterland des Fußballs einnimmt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2010)