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20-Jähriger gesteht Datendiebstahl wegen "Ärgers"

REUTERS/Fabrizio Bensch/File Photo
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Der junge Mann gestand, in mehreren Ausspäh-Aktionen Daten von deutschen Politikern und Prominenten gesammelt zu haben, deren öffentliche Äußerungen ihn verärgert hätten.

Nach dem groß angelegten Datendiebstahl bei Politikern und weiteren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Deutschland ist ein 20-jähriger Mann als Tatverdächtiger in Mittelhessen festgenommen worden. Nach einem Geständnis wurde er bereits am Montag - mangels Haftgründen - wieder auf freien Fuß gesetzt, teilten die Ermittler am Dienstag in Wiesbaden mit.

Der 20-Jährige habe die Vorwürfe umfassend eingeräumt und angegeben, "aus Verärgerung über öffentliche Äußerungen der betroffenen Politiker, Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens gehandelt zu haben", so das deutsche Bundeskriminalamt (BKA). Er handelte demnach offenbar allein, Hinweise auf eine Beteiligung Dritter erbrachten die Ermittlungen nicht. Er habe "über eigene Straftaten hinaus Aufklärungshilfe geleistet".

Der Beschuldigte sei sehr computeraffin, verfüge aber über keine entsprechende Ausbildung etwa als Informatiker, sagte der Sprecher der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, Georg Ungefuk. Der Mann habe viel Zeit damit verbracht, sich am PC bestimmte Kenntnisse anzueignen.

Dem Täter sei es durch "ausgeklügelte Vorgehensweise" gelungen, die Daten auszuspähen, so Ungefuk. Es habe nicht nur eine, sondern mehrere Ausspähaktionen gegeben, vor allem im Jahr 2018. Zudem habe er Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen zusammengetragen. Bei den Durchsuchungen habe es keine Hinweise auf eine politische Motivation für die Taten gegeben, diese Frage sei aber noch nicht abschließend geklärt.

Der 20-Jährige war am Sonntag in Mittelhessen festgenommen worden, mangels Haftgründen sei er am Montagabend wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Die bei Durchsuchungen beschlagnahmten Beweismittel wie Computer und Datenträger würden nun umfassend ausgewertet. Ein Computer, den der Verdächtige beiseite geschafft habe, sei gefunden worden.

Per Twitter veröffentlicht

Der junge Mann soll über das inzwischen gesperrte Twitter-Konto @_0rbit im Dezember persönliche Daten von zahlreichen Politikern, Journalisten und Prominenten als eine Art Adventkalender veröffentlicht haben. Erst Ende vergangener Woche war der Datendiebstahl bekanntgeworden. Das deutsche Innenministerium sprach am Montag von 50 bis 60 schweren Fällen - weil größere Datenpakete wie Privatdaten, Fotos und Korrespondenz veröffentlicht worden seien - sowie rund tausend weiteren, bei denen es nach den bisherigen Erkenntnissen überwiegend um reine Kontaktdaten gehe.

Im Zusammenhang mit dem Hackerangriff war bereits die Wohnung eines 19-Jährigen in Heilbronn durchsucht worden, der als Zeuge geführt wird. Jan S. hatte über Twitter erklärt, dass er seit langem mit dem Hacker in Kontakt gestanden habe.

Es handle sich um einen Einzeltäter, Verbindungen zu ausländischen Geheimdiensten gebe es nach ersten Erkenntnissen nicht. "Das ganze Ausmaß seiner Aktion war ihm offenbar gar nicht bewusst", sagte ein Ermittler dem "Spiegel". Der junge Mann lebe noch bei seinen Eltern.

Auf die Spur seien die Fahnder dem Mann laut "Spiegel" durch Zeugenaussagen und Spuren, die er im Internet hinterlassen hatte, gekommen. Als die Polizei seine Wohnung am Sonntag durchsucht habe, soll der 20-Jährige seinen Computer bereits zerstört gehabt haben.

Auch Merkel und Präsident Steinmeier betroffen

Politiker aller Parteien finden sich unter den Opfern – mit Ausnahme der AfD. Allein von der Kanzlerpartei CDU und ihrer Schwester CSU wurden 405 Namen, 395 Mobilnummern, zahlreiche Wohnadressen sowie einige Kopien von Personalausweisen, Rechnungen und dienstliche Briefwechsel veröffentlicht. Auch Daten des deutschen Präsidenten Frank-Walter Steinmeier wurden veröffentlicht

Betroffen waren zudem Promis wie Til Schweiger, YouTube-Stars, Musikbands, ARD- und ZDF-Journalisten, Satiriker. Auch zwei Mailadressen und eine Faxnummer von Kanzlerin Angela Merkel scheinen in den Dateien auf. Das ist vergleichsweise harmlos. Andere Minister und Landeschefs sind mit privater Wohnadresse oder – wie Bundespräsident Steinmeier – mit Handynummer gelistet.

Das unbemerkte wochenlange Leak bracht die für IT-Sicherheit zuständige Behörde in Deutschland und Innenminister Horst Seehofer unter Druck. Sie hatten ebenso wie die Öffentlichkeit erst vergangene Woche davon erfahren. Innenminister Horst Seehofer (CSU) gratulierte den Sicherheitsbehörden zu ihrem schnellen Ermittlungserfolg.

>>> Bericht im Spiegel.

(APA/AFP/Reuters/red.)