Als die "Nautilus" mit Nuklearkraft den Nordpol unterquerte

Die "Nautilus" bei ihrer Ankunft in Portland, 1958
Die "Nautilus" bei ihrer Ankunft in Portland, 1958 (c) imago/ZUMA/Keystone
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Ein U-Boot mit Kino, Bibliothek und Jukebox wurde am 21. Jänner 1954 in den USA auf den Namen USS Nautilus getauft - das erste nukleargetriebene Unterseeboot der Welt. Ein Rekord, dem weitere folgen sollten.

„Ich sah fantastische steile Klippen - ganze Unterwassergebirgszüge - sich Hunderte von Metern über den Grund des Ozeans erheben. Die Form dieser Unterwassergebirge erschien fantastisch gefaltet und grotesk wie die Krater auf dem Mond. (...) Das Sehrohr zerteilt die Wasserfläche und helles Sonnenlicht strömte ins Glas.“ 

Mit diesen Worten beschrieb Kapitän William Anderson am 4. August 1958 den Erfolg seiner Mannschaft - und bestätigte damit das Gelingen der geheimen „Operation Sunshine“. Hinter dem Codewort verbarg sich eine Mission der Superlative: die Unterquerung des Nordpols mit einem U-Boot. Und weil das nicht spektakulär genug war: mit dem größten Unterseeboot, das bis dahin in See gestochen war. Und gleichsam mit dem ersten nukleargetriebenen U-Boot der Welt. Einer Amerikanerin.

Luxuriöse Verpackung für Atommeiler

Diese Amerikanerin, die den Namen USS Nautilus (SSN-571) trug, war nur wenige Jahre zuvor „geboren“ worden: Der US-Kongress hatte den Bau des Schiffes im Juli 1951 genehmigt, 1952 nahm US-Präsident Harry S. Truman an einer Zeremonie zum Baubeginn teil und fand dabei große Worte für das zukünftige Schiff: „Der Tag, an dem die Schrauben dieses neuen Unterseebootes zum ersten Mal das Wasser zerteilen und es vorantreiben, wird der erhebendste Tag der Atomwissenschaft sein, seitdem der erste Blitz vor sieben Jahren in der Wüste aufleuchtete. Damals wussten wir, dass wir eine Bombe für den Krieg hatten. Nun werden wir eine Kraftanlage für den Frieden haben.“

Am 21. Januar 1954 taufte Mamie Eisenhower, die Frau des nun amtierenden US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, das U-Boot mit einer Champagnerflasche. Ein Meilenstein in der maritimen Geschichte: Das U-Boot war 97,5 Meter lang, 8 Meter breit und 7,9 Meter tief und hatte Platz für eine rund 100-köpfige Besatzung.

Außerdem fanden sich an Bord des Unterseebootes neben einem Kino, mehreren Kaffee-, Cola- und Eiscremeautomaten auch eine Bibliothek, Solarien und eine Jukebox. Spezielle Filter erlaubten der Besatzung sogar, Zigaretten zu rauchen. Anders ausgedrückt: eine luxuriöse Verpackung für einen vollkommen neuartigen Antrieb. Tatsächlich wurde das U-Boot mithilfe eines Atommeilers in Gang gebracht, womit es gleich bei ihrer ersten echten Einsatzfahrt im Mai 1955 einen Längen- und Geschwindigkeitsrekord aufstellen sollte: Sie legte 1381 Meilen in 90 Stunden zurück, ohne aufzutauchen.

Nicht nur das: Der mit Uran befeuerte Reaktor benötigte weit weniger Raum als die herkömmlichen Dieselantriebe mitsamt den tonnenweise benötigten Treibstoff. So war es der Nautilus zum einen möglich, Waffen schnell zu transportieren, aber auch, dies weitestgehend unbemerkt zu tun. Denn, anders als Vorgängermodelle, musste sie ihre Tauchfahrten nicht mehr durch Abstecher an die Wasseroberfläche unterbrechen, konnte tiefer abtauchen und damit nicht mehr durch Radar aufgespürt werden. In den Worten von Kapitän Wilkinson: „Wir fahren nicht nur schneller, sondern tauchen tiefer. Und mit dem atomaren Antrieb können wir praktisch unbegrenzt unter Wasser bleiben.“

Roman + Disney = Nuklearwerbung

Kaum verwunderlich, dass derartige Superlative an die Presse getragen wurden: Die „United States Information Agency“ hatte im Auftrag von Eisenhower eine Kampagne entworfen, um die Vorzüge der Atomkraft in den Köpfen der Bevölkerung zu verankern. Mit dabei: die Disney Studios. Pünktlich zum Stapellauf der „Nautilus“ im Jänner 1954 wurde der Roman von Jules Verne „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ verfilmt. In der Hauptrolle: die über „ungemessene Kraft“ verfügende „Nautilus“, wie es im Werk heißt. Diese machte sich in der Romanwelt unter der Führung von Kapitän Nemo auf, um „alle Meere von Pol zu Pol“ zu erforschen.

Und blieb nicht das einzige U-Boot, das zu Werbezwecken herangezogen wurde: Auch die Fernsehserie „Unser Freund das Atom“ wurde veröffentlicht, während sich „Familie Duck“ bildstark in einem U-Boot auf den Weg zum Nordpol machte – so, wie es auch die „echte“ Nautilus tat.

Zunächst allerdings im Geheimen: Zwar wurde in der Öffentlichkeit die Vorzüge der nuklearen Energie propagiert, Zeitpunkt der „Operation Sunshine“ wurde aber verschwiegen, um ein mögliches Scheitern besser verheimlichen zu können. Eine weise Voraussicht, wie sich zeigen sollte. Denn: Der erste Versuch, den Nordpol zu „untertauchen“ scheiterte im August 1957. Der Grund: der Kompass spielte verrückt. Der zweite Anlauf folgte im Juni 1958 – neuerlich musste abgebrochen werden. Der Grund diesmal: eine Bodenwelle, die Potenzial gehabt hätte, dass das Schiff zwischen ihr und dem ewigen Eis stecken blieb.

"Zeit: 23.15 Uhr ... ein Hoch auf den Nordpol!"

Am 23. Juli 1958 lief die Nautilus schließlich aus dem Hafen von Pearl Harbor aus, um ein drittes Mal Kurs auf den geografischen Nordpol (Point Barrow – Nordpol 2.072 Kilometer/1.287,48 Meilen) zu nehmen. Das Abenteuer sollte gelingen: Kurz vor dem Ziel – dem 90. Breitengrad – wurde, so heißt es im Reisebericht von Kapitän Anderson, die Musik aus der Jukebox abgedreht. „Eine feierliche Stille senkte sich auf das Boot herab.“ Anderson blickte auf den Abstandsmesser: „Acht... sechs... vier... drei... zwei, eins... Jetzt! 3. August 1958, Zeit: 23.15 Uhr. Für die Vereinigten Staaten und ihre Flotte: ein Hoch auf den Nordpol!“

In Zahlen gesprochen: Nach rund 96 Stunden und 1830 Meilen unter dem Eis war die Nautilus nordöstlich von Grönland wieder aufgetaucht. Ein Erfolg, den die Amerikaner insbesondere nach dem Schock über den sowjetischen Vormarsch ins All (am 4. Oktober 1957 hatte die UdSSR die westliche Welt in Staunen versetzt, als sie vom Weltraumbahnhof Baikonur aus den Satelliten „Sputnik 1“ gestartet) mit besonderer Liebe an die Öffentlichkeit trugen – und damit die Militarisierung der Unterwasserwelt inmitten des Kalten Krieges beschleunigen sollten: Mehrere hundert nukleargetriebener U-Boote wurden alsbald gebaut, noch heute sind zahlreiche davon in Betrieb.

Nicht jedoch die Nautilus. Sie hatte nach ihrem Weltrekord zwar noch einige Einsätze, darunter im Mittelmeer und im Atlantik, liegt mittlerweile aber im Trockenen: Seit 1986 ist sie in Groton im US-Bundesstaat Connecticut als Museumsschiff ausgestellt. Und kehrte damit an jenen Ort zurück, von dem aus sie vor 65 Jahren vom Stapel gelaufen war.

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