Ohne Krise geht es nicht mehr: Über die Lust, uns zu fürchten

Ökonomen orten schon die nächste Wirtschaftskrise. 2021 soll diese Europa treffen. Warum wir trotzdem nicht gleich zu Tode betrübt sein müssen.

Die Bertelsmann-Stiftung erhebt regelmäßig, wie optimistisch die Menschen ihre Zukunft sehen. Und bei den vergangenen weltweiten Befragungen befanden sich zwei große Wirtschaftsräume in einem absoluten Stimmungstief. Europa und die USA. Selten zuvor glaubten so wenige Menschen, dass es besser wird. Selten zuvor war die Zukunftsangst so stark ausgeprägt.

Irgendwie bekommt man das Gefühl, dass es ohne Krise nicht mehr geht, dass wir fast so etwas wie eine perverse Lust empfinden, wenn wir uns vor etwas fürchten dürfen. Sogar der Schnee macht uns Österreichern mittlerweile Angst. Permanent müssen uns Lawinenforscher, Verkehrsexperten und Meteorologen davor warnen, nicht ins Verderben zu rennen. Sind wir wirklich schon zu einem wohlstandsverwöhnten Häufchen Elend verkommen, das sich selbst nicht mehr zu helfen weiß?

Jetzt ist es also mit der guten Konjunktur bald vorbei. Die Weltbank rechnet damit, dass es zuallererst die Schwellenländer erwischen wird. Und natürlich werden wir in Europa und Österreich uns von dieser Entwicklung nicht abkoppeln können. Das war schon immer so, dass Konjunkturzyklen irgendwann ein Ende haben. Das ist normal. Unser Problem aber ist, dass wir nicht einmal mehr mit der Normalität zurande kommen.

Bestes Beispiel ist die Europäische Zentralbank, die im Wirtschaftsboom nach wie vor an ihrer Nullzinspolitik festhält. Ja festhalten muss, weil die Welt keine positiven Realzinsen mehr verträgt. Nicht auszudenken, müssten Staaten wie Italien oder Griechenland für ihre Schulden auch noch Zinsen zahlen. Auch die Verschuldung der Unternehmen ist auf Rekordniveau. Und längst warnen amerikanische Finanzexperten, dass die Bewertungen für US-Immobilien beinahe wieder dort sind, wo sie vor dem Platzen der Immobilienblase lagen. In Deutschland meldete das Statistische Bundesamt im dritten Quartal eine schrumpfende Wirtschaftsleistung von 0,2 Prozent. Falls sich dieser Trend auch in den letzten drei Monaten 2018 fortgesetzt hat, befinden sich die Nachbarn demnach in einer Rezession. So weit der altbewährte Krisenmodus-Rap.

Tatsächlich aber fangen die Deutschen gerade erst an, die Früchte des Booms zu ernten. Durch Reallohnerhöhungen dank hoher Tarifabschlüsse, dank erhöhter Mütterrente und Kindergeld. Immerhin erzielt der deutsche Staat seit mittlerweile fünf Jahren Budgetüberschüsse. Dem Exportwirtschaftsboom folgt also ein Konsumboom. Und das ist eine gute Nachricht.

Auch die Österreicher sollten krisentechnisch weniger dem Bauchgefühl und mehr der Geldbörse vertrauen. Wenn die geplante Steuerreform nicht völlig in die Hosen geht, dann werden auch die Menschen in diesem Land mehr Kaufkraft gewinnen. Für Familien mit Kindern wird es bereits heuer dank Familienbonus eine nette Steuererleichterung geben. Darauf kommt es nämlich an.

Der Ökonom David Hauner erklärte erst vor wenigen Tagen in dieser Zeitung, dass die Europäer künftig weniger auf Exporte, sondern mehr auf eine höhere Inlandsnachfrage setzen müssen. Diese „merkantilistische Geisteshaltung“, wonach vor allem steigende Exportzahlen für Wohlstand sorgen, hält der Experte der Bank of America Merrill Lynch für einen Irrglauben. Mit anderen Worten: Wir brauchen keine Politiker, die uns vor unseren eigenen, oft übertriebenen Ängsten schützen. Wir brauchen Politiker, die die Rahmenbedingungen schaffen, dass es so vielen wie möglich besser geht.


Tatsächlich erleben wir seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 weltweit eine Zunahme der „Schutzgeldpolitik“, wie der Wirtschaftspublizist Wolf Lotter die populistischen Auswüchse vielerorts bezeichnet. Der deutsche Philosoph Michael Werz bezeichnet 2008 gar als „Epochenjahr“. Seither nimmt die Zahl der Demokratien weltweit ab, nehmen Handels- und militärische Konflikte zu und steigt auch in westlichen Demokratien die Affinität zu Abschottung und Protektionismus.

Die Krise beginnt im Kopf. Und die Zukunftsangst ist bisweilen auch ein Symptom der eigenen Bequemlichkeit.

E-Mails an: gerhard.hofer@diepresse.com