Der Rebell mit der Schere

Er erfasste die Körper mit dem Auge und übertrug deren Dimensionen dann auf ein Stück Stoff: der britische Modeschöpfer Alexander McQueen (1969–2010) bei der Arbeit – in einer Szene aus der Dokumentation, die am Freitag in österreichischen Kinos anläuft.
Er erfasste die Körper mit dem Auge und übertrug deren Dimensionen dann auf ein Stück Stoff: der britische Modeschöpfer Alexander McQueen (1969–2010) bei der Arbeit – in einer Szene aus der Dokumentation, die am Freitag in österreichischen Kinos anläuft.Thimfilm

„Alexander McQueen – Der Film“ nennt sich eine packende Doku, die das triumphale und tragische Leben dieses legendären Modeschöpfers ausleuchtet.

„Ich würde sagen, dass die Menschen hier ehrlich sind. Man weiß immer, woran man ist. Bevor dich jemand ausraubt, sagt er es dir.“ So beschreibt Alexander McQueen am Anfang dieses Films seine denkbar ungestylte Kinderstube. Im Londoner East End in proletarischen Verhältnissen aufgewachsen, fantasierte er sich früh aus dem reduzierten Milieu hinaus. Sein Äußeres war noch von den beengenden Verhältnissen geprägt. McQueen war pummelig, hatte Wimmerln im Gesicht, trug billige Kleidung. Ein Underdog mit „gothic taste“.

In dieser Anmutung begegnete er erstmals Bobby Hillson, der Schulleiterin der renommierten Modeschule Central St. Martins. „Er war unattraktiv, und man sah ihm an, dass er kein Geld hatte“, erinnert sie sich im Film von Ian Bonhôte und Peter Ettedgui. Sie sah aber auch, dass McQueen von unbändiger Leidenschaft getrieben war. Und so bot sie ihm einen Studienplatz an. Davor hatte er schon einiges andere probiert. Etwa eine Lehre bei Anderson & Sheppard in der noblen Savile Row. „Es war wie bei Dickens. Ich saß gekrümmt auf einem Stuhl und machte Hilfsarbeiten wie das Polstern von Revers“, erinnert sich McQueen in grobkörnigen Bildern an seine Anfänge. Bald probierte er es anderswo. Beim Modeschöpfer Tatsuno Koji lernte er die Kunst der Moulage, einer dreidimensionalen Produktionstechnik, bei der der Stoff direkt am Körper des Modells geformt wird. Hier zeigte sich erstmals sein großes Talent mit der Schere. McQueen musste kein Maß nehmen. Er erfasste die Körper mit dem Auge und übertrug deren Dimensionen dann auf ein Stück Stoff.

McQueen hielt es überall nur kurz aus. In seiner Rastlosigkeit reiste er nach Italien. Ohne Geld, ohne Italienischkenntnisse und ohne Termin bei einem Modehaus. Indem er auf jegliche Etikette verzichtete, schaffte McQueen das Unmögliche. Der berühmte Romeo Gigli nahm ihn als Praktikanten auf. Ob der Mühen der Ebene resignierte McQueen öfters. Als Gigli wieder einmal ein von McQueen genähtes Futter kontrollierte, fand er eine an ihn gerichtete Notiz im Kleidungsstück. Sie lautete: „Fuck you, Romeo!“

In dieser Zeit finanzierte McQueen seine Stoffe mit dem Arbeitslosengeld. Er hatte kein eigenes Studio. Allen Hindernissen zum Trotz kam seine Kreativität bei der Abschlusskollektion von St. Martins triumphal zum Vorschein. Ihr Thema war Jack the Ripper, ihr auffälligstes Merkmal Halsketten aus Vogelschädeln. Hier zeigte sich erstmals, was er später zur Perfektion entwickelte: eine düstere Erzählweise, die zutage brachte, was in seiner Psyche sonst verborgen war. In McQueens Worten: „Mir geht es um Aufregung und Gänsehaut. Ich will Herzinfarkte. Ich will Rettungswagen.“ Diesem Diktum folgen klugerweise die Regisseure von „Alexander McQueen – Der Film“. Das Werk lebt von krassen Schnitten und heterogenem Material. Die sechs Kapitel sind nach legendären, oft polarisierenden Fashion Shows benannt. In ihnen beschäftigte sich McQueen mit Fantasien, Ängsten und Sehnsüchten. Er stellte oft mythologische Bezüge her, dies aber völlig unakademisch.

Brisante Kollektionen

Das Zeitlose an den Kreationen McQueens ist der unverbildete Blick auf Phänomene. Seine Kollektionen trugen Namen wie „Highland Rape“, „Search For The Golden Fleece“ und „Plato's Atlantis“. Bevor Teile von ihnen in Museen wanderten, waren sie hoch brisant. Besonders „Highland Rape“ wurde von manchen Medien als „frauenfeindlich“ missverstanden. Die Modelle wankten über den Laufsteg, als wäre sie gerade vergewaltigt worden. „Man hatte das Gefühl, man wäre an einem Tatort“ erinnert sich ein Zuseher. Der düstere Subtext dieser Show fußte auf McQueens eigener Erfahrung. Er wurde als Kind von seinem Schwager sexuell missbraucht. Bald nach den Schlagzeilen zu „Highland Rape“ wurde McQueen vom Pariser Luxuslabel Givenchy als Nachfolger von John Galliano engagiert.

Jetzt floss endlich das große Geld. In herrlichen Wackelbildern wird der Zuseher Zeuge, wie eine anarchische britische Invasion das Traditionshaus ins Wanken bringt. Dass McQueen mit dem ganz normalen Personal in der Kantine aß, sorgte in dem auf Etikette Wert legenden Haus für Erstaunen.

Über die seelische Gemeinsamkeit mit seiner Entdeckerin, der Modejournalistin Isabella Blow, sagte er hellsichtig: „Wir sind abgesonderte Wesen.“ Der Preis des Aufstiegs wird gegen Ende seines Lebens sichtbar. Mit dem Geld kamen die Drogen, mit den Drogen die Entfremdung von vielen Vertrauten. Sich selbst entkam er freilich nie. Mit Amy Winehouse, die wie er aus einem Londoner Taxifahrerhaushalt stammte, teilte er ein tragisches Paradoxon: Beide schufen in den Zeiten des größten Unglücks ihre schönsten Sachen. Auch für die Gefahr, die von der Karriere ausgeht, war er so hellsichtig wie die Sängerin: „Ich sehe mich als Gazelle. Die wird am Ende immer von jemandem aufgefressen.“