Wer in der Palliativstation des Hospizes Rennweg aufgenommen wird, hat nur noch kurze Zeit zu leben. Diese Zeit soll von den unheilbar Kranken dafür so angenehm wie möglich erlebt werden.
Im Schnitt sind es 20 Tage. Jene Zeit, die ein Patient hier verbringt – von seiner Aufnahme bis zu seinem Tod. Und genau diese Zeit noch so angenehm wie möglich zu gestalten, ist das Ziel. Denn für jene, die hier in der Palliativstation des Hospizes am Wiener Rennweg (nach vorheriger Anmeldung) einen Platz bekommen, ist die Aussicht auf Heilung ihrer Krankheit längst dahin. Es geht nur mehr darum, möglichst ohne Schmerzen und Beschwerden aus dem Leben zu scheiden.
Mit Sterbehilfe hat das nichts zu tun, im Gegenteil. Hier versucht niemand, das Leben eines Patienten vorzeitig zu beenden. Auch dann nicht, wenn Patienten sagen, dass sie nicht mehr leben möchten – was immer wieder vorkommt: „Wenn jemand tagelang unter den Symptomen seiner Krankheit leidet – Schmerzen, Übelkeit, Atemnot, Juckreiz –, ist er oft verzweifelt und will nur mehr sterben“, sagt Stationsleiterin Andrea Schwarz. Allerdings – sobald die Patienten medikamentös gut eingestellt sind, die Schmerzen nachlassen, verschwinde der Wunsch zu sterben schnell wieder.
„Bei Kranken verändert sich die Sichtweise“, meint die Pflegerin, die seit zehn Jahren hier arbeitet, seit sieben Jahren die Palliativstation leitet. Als Gesunder, da könne man sich gar nicht vorstellen, wie sehr man noch an seinen letzten Tagen hängt. Weiß man allerdings, dass die letzten Tage schon angebrochen sind, versucht man, sie noch bewusst zu erleben.
Lebensverlängernde Maßnahmen gibt es hier keine mehr. Bei den Menschen, die hier aufgenommen werden, würden sie nicht mehr viel bringen. Es sind vor allem Patienten mit Krebserkrankungen im Endstadium. Was sie hier bekommen, ist eine Schmerztherapie – Medikamente gegen die körperlichen Schmerzen, aber auch Hilfe und Begleitung bei spirituellen oder sozialen Schmerzen. „Weg von der medizinischen Ebene“, sagt Schwarz, „hin zu einer Wohlfühlebene.“
Das Hospiz ist kein Krankenhaus. Und die Patienten sollen auch nicht diesen Eindruck haben. Darum gibt es keinen fixen Tagesablauf, die Menschen können schlafen, so lange sie möchten, essen, wann sie wollen, und rund um die Uhr besucht werden. Und sie können auch das Hospiz verlassen, wenn sie das möchten. „Eine Patientin wollte unbedingt noch einmal in die Oper“, erzählt Andrea Schwarz, „manche wollen auch noch nach Oberlaa schwimmen gehen.“ Auf Ausflügen wie diesen werden sie von ehrenamtlichen Helfern begleitet, die auch in der Palliativstation regelmäßig vorbeikommen. Sie verbringen Zeit mit den Patienten, plaudern, spielen Karten, hören gemeinsam Musik oder gehen mit ihnen in den Garten, um ein paar Sonnenstrahlen einzufangen.
Permanenter Abschied
Rund 250Patienten verbringen hier ihre letzten Tage. Für die Pfleger und Betreuer eine Situation, die von permanentem Abschied geprägt ist, von rührenden Szenen, die nicht spurlos am Team vorbeigehen. „Es berührt jeder Tod“, meint Schwarz. Ganz besonders dann, wenn es jemanden trifft, der im selben Alter ist – oder sogar noch jünger: „Das ist dann kaum auszuhalten.“ Menschen um die 30Jahre sind hier keine Seltenheit, vor zwei Jahren starb hier sogar ein 25-Jähriger.
Für Junge, die dem Tod geweiht sind, ist es oft besonders schwierig. Aber auch unter den Alten gibt es immer wieder welche, die Angst haben, mit ihrem Leben abschließen zu müssen. Dann gibt es aber auch jene, die diesen Abschluss für sich schon gemacht haben. „Vor Kurzem kam eine 99-jährige Frau, die gesagt hat, sie suche einen Platz ,zum Absterben‘“, erzählt Schwarz. Und tatsächlich sei sie innerhalb von ein paar Wochen langsam „verloschen“.
Jeder Patient ist anders, jeder Mensch bleibt anders in Erinnerung – und doch gibt es einige Rituale, die hier immer gleich ablaufen. Das Öllicht, das auf dem Gang entzündet wird, als Zeichen, dass gerade ein Mensch gestorben ist. Die Aufbahrung im Meditationsraum, in dem die Angehörigen gemeinsam beten, sprechen, Abschied nehmen können. Und die Fahrzeuge der Bestattung Wien, mit denen die Verstorbenen abgeholt werden – immer abends. „Jeder weiß, dass hier Menschen sterben“, sagt Pflegerin Schwarz, „aber die Patienten müssen es nicht unbedingt plakativ vor Augen geführt bekommen.“
Andrea Schwarz hat viele Menschen beim Sterben begleitet. Depressiv wirkt sie trotz des ständigen Kontakts mit dem Tod nicht. Lächelnd erzählt sie von kleinen Erfolgserlebnissen. Wenn ein Patient wieder Appetit hat, wenn er keine Schmerzen mehr hat, wieder lächelt – und wenn sie die Dankbarkeit der Menschen spürt, die in ihren letzten Stunden nicht allein sein müssen.
Einmal im Monat halten die Mitarbeiter ein Verabschiedungsritual ab, bei dem für jeden Verstorbenen ein Teelicht entzündet wird. Als Weg, um das ständige Kommen und Gehen der Patienten, das Mitverfolgen ihres Dahinscheidens zu verarbeiten, das Begleiten der Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug.
AUF EINEN BLICK
■Hospiz: In der Palliativstation der Caritas Socialis am Rennweg in Wien-Landstraße werden schwerstkranke Menschen ohne Chance auf Heilung bis zu ihrem Tod betreut. Im Mittelpunkt stehen die Schmerztherapie sowie eine psychosoziale und spirituelle Begleitung. Für maximal zwölf Patienten sind Betten vorhanden.
■Spenden: Die Betreuung wird zum Teil von der öffentlichen Hand übernommen, der Rest wird durch Spenden finanziert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2010)