Jaguar I-Pace: An die Quelle des Stroms

Durch zwei Druckrohrleitungen schießt das Wasser hinab, da lachen die Akkus des I-Pace.(c) Juergen Skarwan

Wir holen glücklichen Strom, frisch vom Kraftwerk. Wir müssen es nur bis dorthin schaffen. Und zurück.

Eines können wir vorab berichten: Wenn die Reichweite in einem Elektroauto null Kilometer anzeigt, muss das letzte Gebet noch nicht gesprochen werden. Behauptet das Auto, der Akku sei jetzt leer, behält sich der eine eiserne Reserve ein, die zumindest einige Dutzend Kilometer hält; wie viel genau, können wir auch nicht sagen, denn wir erreichten unser Ziel, vom Bordcomputer totgesagt, noch aus eigener Kraft.
Das war freilich auch der ursprüngliche Plan, denn vom Ausgangspunkt Wien zum Kraftwerk Arnstein in der Steiermark sind es etwa 230 Kilometer, plus ein paar für Umwege, und das pumpt der Jaguar I-Pace mit seinem 90-kWh-Stromtank doch raus wie nichts, oder? Auf dem Papier schon. Unter günstigen Bedingungen ebenfalls. Doch in der Realität eines winterlichen Dezembers in Österreich wird es trotzdem knapp.
Zumal wir die Fahrt unbekümmert angingen: Tempomat auf 130 plus ein kleiner Toleranzaufschlag – warum sollte man sich ausgerechnet in einem 400-PS-Auto auf der ersten Spur mit den Lastautos ärgern? Theoretisch sind auch 200 km/h drin, aber das probierst du auf der Langstrecke nicht aus.

Auch will bei unter null Grad Außentemperatur niemand frieren in diesem opulenten Innenraum, stylish und behaglich wie ein Boutiquehotel. Aber was nützt dir das, wenn du am Ende zu Fuß gehen musst?

Strom – oder genauer: elektrische Ladung – ist etwas Flüchtiges. Man kann es nicht angreifen (wird zumindest nicht empfohlen), es hat keine Farbe und riecht nicht, auch wenn es im nachlässigen Umgang schnell brenzlig werden kann. Es hat auch kein Gewicht: Der I-Pace wiegt vollgeladen seine 2208 Kilogramm ebenso wie ohne eine letzte Kilowattstunde im Akku. All das irritiert Menschen, die gewöhnt sind an flüssigen, stechend riechenden Kraftstoff, wie man ihn an jeder zweiten Ecke bekommt. Manche sehen sich Benzin sogar brüderlich verbunden – sie fragen sich: Hat Strom denn eine Seele?

Ladehemmung: Der Strom für die Rückfahrt tröpfelt eher, als dass er fliesst.



Der Jaguar I-Pace gehört zu den E-Autos, die noch am besten gewappnet sind, sich der Frage zu stellen. Die Nennleistung ist an sich schon respektabel, dazu kommt die Art der Kraftentfaltung: Schön geschmeidig und doch ansatzlos und vehement wie ein Stier, der durchs Stadlgatter bricht. Das Fahren ist kurzweilig. Die im Unterboden verbaute Batterie wiegt zwar allein so viel wie der erste Golf, dafür ist das restliche Auto dank Alubauweise leicht, was einen günstigen Schwerpunkt auf Sportwagenniveau ergibt. Und übrigens auch stattliche Platzverhältnisse an Bord – durch ein vorteilhaftes Packaging, dem viele Komponenten des Verbrennungsmotors nicht im Weg stehen.
Den I-Pace kann man absurd schnell durch Kurven jagen. Bei maximaler Rekuperation, die sich vorwählen lässt, operiert man dabei mit dem Fahrpedal allein, die mechanische Bremse wird kaum benötigt. Das ist ungemein komfortabel und lässt trotzdem eine gewisse fahrerische Challenge nicht vermissen – denn wann und wie genau man vom Pedal geht, um zwischen punktgenauem Verzögern und maximaler Energieausbeute zu variieren, das wird zu einem Spiel, in dem man Perfektion erlangen kann.
Zwischendurch verstaubt man nach Herzenslust jeden Fürwitzigen, der sich auf ein Duell einlässt. Die Demut lernt man dann ohnehin auf der Langstrecke, wenn es gilt, die Reichweitenanzeige mit der Zielentfernung in Einklang zu bringen. Eine flexible Reiseplanung gehört zur Grundausstattung des E-Mobilisten.

Ohne das Thema der ökologischen Gesamtbilanz des Elektroautos an dieser Stelle anschneiden zu wollen – Für und Wider haut man sich in den Foren ohnehin um die Ohren –, hielten wir es für geboten, den Jaguar an die Quelle seines Energieträgers zu führen – dorthin, wo Strom nachhaltig und CO2-frei gewonnen wird. Denn dass Strom „sauber“ sein kann oder auch nicht, hat man bereits gehört.

 

Das Kraftwerk Arnstein in der Weststeiermark zählt zu den heimischen Industriedenkmälern, in Betrieb ist es unverdrossen. Mit dem Bau an der Anlage wurde 1922 begonnen, ein Heer von Arbeitern – ohne auch nur annähernd mit heutigem Maschinenpark – bewältigte die Fertigstellung in Rekordzeit bis 1925. Im Maschinenhaus wummern seither drei mächtige Generatoren mit 750 Umdrehungen pro Minute, immer noch im gusseisernen Original aus den 1920ern. 5,5 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus zwei 690 Meter langen Druckrohrleitungen – je 1,8 Meter im Durchmesser – treiben die Francis-Turbinen an.

Ladehemmung: Der Strom für die Rückfahrt tröpfelt eher, als dass er fliesst.



Mit der Ernte, einer Nennleistung von 11.000 kW, wäre unser bescheidener Akku in 19 Sekunden knackevoll für eine schwungvolle Heimfahrt, rein theoretisch und falls wir richtig gerechnet haben. Letzten Endes bleibt uns aber auch nur ein gewöhnlicher Starkstromanschluss. Zwischengeschaltet haben wir eine sozusagen mobile Wallbox aus heimischer Produktion namens NRGkick, die die Ladeleistung auf 22 kW erhöht. So tröpfeln die Reichweitenkilometer in einem Takt ein, der an eine baldige und vor allem durchgehende Rückfahrt nicht zu denken lässt. Hausherr Rudolf Schwarz, der mit seinem „Energieforum Lipizzanerheimat“ allen Interessierten das Thema Elektrizität in allen Facetten vermittelt, unterrichtet uns einstweilen in den Grundlagen der Materie. Der Mann, der im Universum des Nikola Tesla, Michael Faraday und Thomas Alva Edison kundig ist wie nur wenige, fährt selbst kein Elektroauto. „Ich weiß zu viel“, lächelt er schelmisch.

Nach zwei Stunden werden wir in die kalte Nacht entlassen mit einem Jaguar, der sich den hungrigen Bauch bei weitem nicht vollgeschlagen hat. Das können zum Ausgleich wir tun, die menschliche Besatzung, denn schon haben wir eine schnelle Ladestation auf dem Weg ausgemacht, und dorthin schaffen wir es locker. Es wartet in Lieboch nicht nur ein pfundiger 50-kW-Anschluss auf uns, der sich willig in Gang setzen lässt, sondern auch ein empfehlenswertes Steak im Mexikaner des zugehörigen Kinocenters. Eine Ironie, dass es Dieselkino heißt.
(c) Juergen Skarwan

Grace, space and electro pace:

Opulente drei Meter Radstand, ein E-Motor an jeder Achse, der Akku schwerpunktgünstig im Unterboden – ein Luxus-Stromer state-of-the-art.

Name : Jaguar I-Pace EV400 AWD
Preis : 78.380
Antrieb : Zwei E-Motoren
Leistung : 400 PS
Gewicht : 2208 kg
0–100 km/h : 4,8 Sekunden
Vmax : 200 km/h