Erstmals seit 2007 nahmen europäische Firmen mehr Geld über den Kapitalmarkt auf als US-Konzerne.
Wien (Bloomberg/ag./nst). Monatelang herrschte an den internationalen Börsen mehr oder weniger gähnende Leere. Kaum ein Unternehmen wagte den Schritt auf den Kapitalmarkt. Vielmehr gerieten jene Konzerne in die Schlagzeilen, die angekündigt hatten, geplante Börsegänge auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Das wirtschaftliche Umfeld sei eben schwierig, hieß es stets.
Seit einigen Wochen scheint das Eis aber gebrochen zu sein. Denn der Markt für Börsegänge hat an Fahrt aufgenommen. Am gestrigen Donnerstag war es wieder so weit. Der japanische Versicherer Dai-ichi Mutual Life ging an die Börse und spülte dem zweitgrößten Lebensversicherer des Landes elf Mrd. Dollar (8,14 Mrd. Euro) in die Kassa. Es war die größte Neuemission, die die Welt seit zwei Jahren gesehen hat. In Asien hatte etwa kurz zuvor der südkoreanische Lebensversicherer Korea Life den Gang aufs Börseparkett gewagt und rund 1,6 Mrd. Dollar eingenommen.
Der Vorteil eines Börsegangs: Dem Unternehmen werden frische Mittel zugeführt. Mit dem Geld verwirklichen die Konzerne oft ihre Expansionspläne, sie übernehmen Rivalen oder verbessern ihre Marktposition.
Die meisten IPOs in China
Auch in Deutschland scheint die Hemmschwelle für IPOs überwunden zu sein. Erst kürzlich ging der Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland in Frankfurt an die Börse. Der Chemiehändler Brenntag, die Modekette Tom Tailor und der chinesische Küchen-und Badarmaturenhersteller Joyou feierten ebenso ihr Debüt in Deutschland.
Erstmals seit 2007 übertreffen die Börsegänge in Europa damit jene in den USA. In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben westeuropäische Konzerne etwa 6,1 Mrd. Dollar an Kapital aufgenommen. In den USA nahmen Unternehmen um 69 Prozent weniger über die Börse ein.
An der Spitze der Börsegänge dürfte jedoch China bleiben, wie die Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers im Jänner geschätzt hat. Das Kapitalvolumen in Hongkong und im Reich der Mitte dürfte 2010 um rund die Hälfte auf umgerechnet etwa 63 Mrd. Euro ansteigen. „Der Mittelzufluss in den Emerging Markets ist enorm“, sagt IPO-Spezialist Martin Hinteregger von der Erste Bank. Die Leute in der Region hätten viel Geld und würden nur darauf warten, dieses zu investieren.
Kein IPO in Österreich
Experten gehen davon aus, dass im zweiten Quartal weitere Neuemissionen geplant sind. Mit Dänemarks größten Telekomkonzern TDC und der britischen Solarfirma Engyco gäbe es zumindest zwei Kandidaten. Auch der Lebensversicherer Samsung Life steht vor dem größten Börsegang Südkoreas. Im Mai sollen die Aktien erstmals gehandelt werden.
Bis die Lust auf einen Börsegang nach Österreich schwappt, wird es aber noch dauern, sagt Hinteregger von der Erste Bank: „Derzeit gibt es eine etwas verschlafene Grundstimmung.“ Im ersten Halbjahr wird es wohl zu keiner Neuemission mehr kommen. Auch weil es rund vier Monate dauert, einen IPO vorzubereiten. Optimistisch ist Hinteregger aber im Hinblick auf das zweite Halbjahr. Die Wiener Börse rechnet ebenso mit IPOs in der zweiten Jahreshälfte.
Der letzte IPO an der Wiener Börse liegt bereits länger zurück. Im Oktober 2007 wurden erstmals Aktien der Strabag gehandelt. Das Emissionsvolumen erreichte damals einen Wert von rund 1,3 Mrd. Euro. Der Ausgabepreis des Papiers lag bei 47 Euro, gestern notierte die Aktie bei rund 19 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2010)