Schnellauswahl

Das Haus der unvergessenen Wiener Volksschauspieler

Symbolbild.
Symbolbild.(c) Die Presse (Gabriele Paar)

Das Volkstheater beeindruckte in seinen Glanzzeiten – als Bau und durch ein Ensemble, das stilbildend Nestroy wie auch Brecht spielte.

Sollte das Ronacher mit dem Volkstheater Plätze tauschen (siehe oben), wäre das eine historische Pointe. Sind doch das Ronacher wie das Volkstheater nicht nur fast gleichzeitig entstanden (1887/88 bzw. 1887–89), sondern sogar als Produkte desselben Unfalls. 1884 brannte das Stadttheater innen aus; da nach den neuen Brandschutzvorschriften (eine Folge des Ringtheaterbrandes drei Jahre davor) das Theater nicht wie gehabt wiederaufgebaut werden konnte, beschloss man den historistischen Neubau am Ring, frei stehend und mit breiten Fluchtwegen. Und aus der Ruine wurde ein Variététheater.

Ein Theater mit rein elektrischer Beleuchtung – damit brachte das Volkstheater bereits die erste Premiere. Auch architektonisch machte der Bau Schule, wurde in der Monarchie viel imitiert (Dutzende weitere Theater baute allein das zuständige Architektenduo Hermann Helmer und Ferdinand Fellner). Inhaltlich sollte das Volkstheater einen Kontrast zur Burg bieten, Theater fürs Volk („No Du?“ waren die ersten Worte, in Ludwig Anzengrubers Volksstück „Der Fleck auf der Ehr“) – und zwar für viel Volk: Mit 1900 Plätzen, die das Theater damals hatte (heute sind es nicht einmal 900), war das Volkstheater zwischendurch das größte Sprechtheater im deutschsprachigen Raum. Das erlaubte günstige Karten, für teils fantastische Aufführungen deutscher und österreichischer Klassiker (Raimund, Grillparzer, Nestroy). Zu den Stars der Vor- und Zwischenkriegszeit zählten etwa Adele Sandrock (die dort nicht nur Schnitzler-Frauen spielte, sondern auch Schnitzlers Geliebte war), Raoul Aslan, Rosa Albach-Retty, Alexander Girardi oder Fritz Kortner.

 

Goldene Zeit: Muliar, Sochor, Sowinetz

In der NS-Zeit war das Theater für die „Deutsche Arbeitsfront“ gedacht, nach dem Krieg wurde es zur GmbH. Der Österreichische Gewerkschaftsbund gründete die Volkstheater-Gemeinde mit dem Ziel, „gutes und billiges Theater für die arbeitenden Menschen“ zu ermöglichen. Mehr als gut wurde es – damals begann, was im Rückblick als die „goldenen Jahre“ des Volkstheaters bezeichnet wurde, mit einem legendären Ensemble (Fritz Muliar, Hilde Sochor, Kurt Sowinetz, . . .). Schon 1963 hatte der damalige Volkstheater-Direktor Leon Epp mit „Mutter Courage und ihre Kinder“ den inoffiziellen Boykott der Werke Bertolt Brechts in Österreich durchbrochen (auf den vor allem Hans Weigel und Friedrich Torberg gedrängt hatten). In der Aufführung u. a. mit Muliar, Sochor und Sowinetz führte Gustav Manker Regie. Er brachte nach dem plötzlichen Tod Epps selbst als Direktor noch jede Menge Brecht, außerdem eine Nestroy-Renaissance und riskante Ur- und Erstaufführungen wilder junger Österreicher wie Wolfgang Bauer und Peter Turrini.

 

Stücke von Jelinek und Jonke

Direktorin Emmy Werner (1988 bis 2005) behauptete sich noch gegen Claus Peymanns Burgtheater, brachte Erstaufführungen von Jelinek und Jonke, füllte mit österreichischen Klassikern in eigener Regie das Theater. Doch es kamen härtere Tage. Unter Michael Schottenberg und Anna Badora schwand viel Publikum, das Theater war unterdotiert – es wurde zum kulturpolitischen Sorgenkind, das es bis heute ist. (sim)

VOLKSTHEATER HEUTE

Anna Badora, seit 2015 Volkstheater-Intendantin, wollte ihren bis 2020 laufenden Vertrag nicht verlängern. Die Auslastung in den vergangenen Jahren war dramatisch gering (kaum 60 Prozent, trotz Freikartenanteil von mehr als acht Prozent). Die Subvention betrug zuletzt 12,4 Mio. Euro (für die Burg 47,3 Mio. Euro, für die Josefstadt 14,17 Mio. Euro).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2019)