Was denkt das Wahlvolk?

Carolina Plescias Hertha-Firnberg-Projekt untersucht die Reaktionen der wählenden Bevölkerung auf Koalitionskompromisse.
Carolina Plescias Hertha-Firnberg-Projekt untersucht die Reaktionen der wählenden Bevölkerung auf Koalitionskompromisse.(c) Clemens Fabry

Die Politikwissenschaftlerin Carolina Plescia erforscht, wie sich Koalitionskompromisse – wie etwa in Österreich beim Rauchverbot – auf die öffentliche Meinung auswirken.

„Politik hat ganz viel mit unserem Leben zu tun“, findet Carolina Plescia. Doch es habe eine Weile gedauert, bis sie das erkannt habe. „Wie viele andere Menschen auch habe ich mich lange Zeit nicht besonders dafür interessiert“, sagt sie. „Dann wurde mir klar, dass wir alle tagtäglich von politischen Entscheidungen betroffen sind, wenn wir nicht gerade auf einer einsamen Insel wohnen.“ Die Politikwissenschaft wurde ihr Beruf und ihre Leidenschaft. 2013 hat die Süditalienerin am Trinity College in Dublin zum Wahlverhalten in Mischwahlsystemen dissertiert, anschließend kam sie als Postdoc an die Fakultät für Sozialwissenschaften der Uni Wien. Aktuell forscht sie dort am Institut für Staatswissenschaft.

 

Wechselwähler im Visier

„Die Regierungsform und das Wahlsystem prägen die Regeln einer Gesellschaft“, erklärt die 34-Jährige. „Und wie Menschen in einem liberalen demokratischen Land ihre parlamentarischen Vertreter wählen, kann sehr unterschiedlich sein.“ Plescia untersucht die Verbindung zwischen den politischen Institutionen und den Einstellungen der Bürger. Deren Meinungen und Präferenzen, speziell in Bezug auf Wahlen, sind der Fokus ihrer Arbeit. Da geht es um Fragen wie: Was macht Menschen zu Wechselwählern? Welche psychologischen Mechanismen stecken dahinter, wenn manche bei der einen Wahl für diese Partei und bei der anderen für jene stimmen? Wie bewerten Bürger die Leistungen der gewählten Partei während der Legislaturperiode? Und wie wirkt sich das auf die nächste Wahl aus? „Meine Arbeitsgrundlage sind Daten aus Meinungsumfragen, kombiniert mit detaillierten Interviews von Wählern.“

Wie wichtig empirische Daten wie etwa Wahlumfragen für die Politikwissenschaft und das Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge sind, habe sie an der Universität Essex gelernt. Dort, in England, hat sie nach dem Bachelorstudium in Bologna einen Teil ihrer Masterarbeit verfasst. „Schon in Bologna haben mich einige Professoren inspiriert“, erinnert sich Plescia. „Die Initialzündung für eine wissenschaftliche Karriere hat dann aber mein Doktorvater am Trinity College in Dublin gegeben.“ Er habe ihr bewusst gemacht, wie erfüllend die Forschung sein könne, wenn man hart genug arbeite und den nötigen Wissensdurst mitbringe.

 

Wenn Politiker nachgeben

Seit Oktober arbeitet Plescia an einem durch das Hertha-Firnberg-Programm des Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt zu den Folgen von Koalitionskompromissen für die öffentliche Meinung. „Obwohl es für parlamentarische Demokratien maßgeblich ist, dass gewählte Parteien in der Lage sind, Koalitionsregierungen zu bilden, lehnen immer mehr Menschen die notwendigerweise damit verbundenen Kompromisse ab“, so Plescia. Ein österreichisches Beispiel sei das Rauchverbot. „Mit dem Nachgeben der ÖVP gegenüber der FPÖ in dieser Sache waren viele Menschen unzufrieden.“ Derartige Regierungsprogramme wolle sie nun hinsichtlich der Wählerzustimmung zu den Verhandlungsergebnissen unter die Lupe nehmen. „Und zwar nicht nur hierzulande, sondern auch in anderen europäischen Ländern, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen.“ Welcher Wählertypus ist offener für Mittelwege, welche Art von Kompromissen werden eher angenommen? Die Erkenntnisse des auf drei Jahre angelegten Projekts sollen zur Debatte um die Schwierigkeiten heutiger repräsentativer Demokratien beitragen.

Als Forscherin und Lehrende ist es Plescia wichtig, auch eigene Vorstellungen von Politik und Gesellschaftsnormen immer wieder zu hinterfragen. „Dazu rege ich meine Studierenden grundsätzlich an.“ Das Institut für Staatswissenschaft sei in seiner kulturellen Vielfalt ein guter Ort für den Blick über den Tellerrand. Auch das Leben in Wien liebt die Forscherin, die selbst aus einem „wunderschönen Städtchen“ zwischen Adria und Apennin stammt, wo sie immer wieder gern auftankt. „Zum Glück ist mein damaliger Freund und heutiger Mann mitgekommen und konnte hier seine Doktorandenerfahrung als Softwareingenieur einbringen. Wien ist unsere zweite Heimat geworden.“

ZUR PERSON

Carolina Plescia (34) hat in Bologna (Italien) und Essex (Großbritannien) Politikwissenschaft studiert. 2013 promovierte sie am Trinity College in Dublin (Irland), ihre Doktorarbeit wurde 2014 mit dem Jean-Blondel-Preis des ECPR ausgezeichnet. Sie forscht u. a. zu vergleichendem Wahlverhalten. Seit 2013 ist sie Postdoc an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Uni Wien, seit 2016 am dortigen Institut für Staatswissenschaft.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2019)