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„Einer allein sieht zu wenig“

Allein in Salzburg arbeiten mehr als 700 Menschen in den örtlichen Lawinenwarnkommissionen.

Eine Lawine ist ein komplexes Phänomen: Ob sie entsteht, hängt nicht nur von der Menge des Schnees ab. Wind, Temperatur, Gelände, Exposition, Schwachschichten – ob Gefahr besteht, hängt von vielen Faktoren ab. „Deshalb braucht es ganz viele Menschen im Land, die vor Ort die Situation beobachten und berichten“, beschreibt Bernd Niedermoser, der Leiter der Lawinenwarnzentrale Salzburg, wie die Gefahreneinschätzung entsteht: „Der Lagebericht entsteht nicht am Schreibtisch eines Einzelnen. Es braucht 1000 Augen im ganzen Land.“

Einer, der seine Augen offen hält, ist Alois Fellner. Der Abtenauer Unternehmer leitet die örtliche Lawinenwarnkommission und macht für den Lawinenwarndienst Geländebeobachtungen. Eine große Aufgabe: Die örtliche Lawinenwarnkommission, in Abtenau besteht sie aus fünf Personen, beurteilt, ob auf Straßen, Pisten oder Gebäude Lawinen abgehen könnten. Auf Basis ihrer Einschätzung wird gesperrt oder evakuiert. Fellner begegnet Lawinen mit großem Respekt. Als 16-Jähriger war er mit einem Freund mit den Skiern im Gelände unterwegs, als ein Schneebrett abging. Warnungen hatten die beiden nicht ernst genommen. Fellner konnte seinen Freund mit Müh und Not ausgraben, er blieb unverletzt.

Als der Abtenauer später selbst zwei Lawinenabgänge überlebte, stand für ihn fest: „Ich muss mich bilden.“ Er kaufte Bücher über Lawinenkunde, sprach mit erfahrenen Bergführern, ging zur Bergrettung, machte Ausbildungen. „Es ist ein dauernder Lernprozess“, sagt er über die Gefahreneinschätzung. Seit er in der Lawinenwarnkommission ist, hat er sich ein Netzwerk aufgebaut. Einer allein sieht zu wenig. Wenn es schneit, bricht er noch in der Dämmerung zu seinen Kontrollfahrten auf. Er achtet auf Abrisse, Einwehungen oder die Scheebeschaffenheit. Dann telefoniert er mit anderen, die in der Natur unterwegs sind, mit Jägern oder den Milchfahrern, die von Hof zu Hof fahren und viele Veränderungen wahrnehmen – und so Puzzlesteine für das große Bild liefern.

„Ich musste lernen, dass bei der Beurteilung Emotionen völlig draußen bleiben müssen“, erzählt Fellner. Zur Einschätzung werden Schneeprofile gegraben, um Aussagen über den Aufbau der Schneedecke treffen zu können. Daraus entsteht dann ein Gesamtbild, mit dem die Kommission arbeiten kann. Von deren Empfehlungen hängt viel ab, es geht um Menschenleben. „Für uns gibt es nur ein Ja oder ein Nein, eine Zwischenlösung ist ausgeschlossen.“


Arbeit einer „Lawinenfamilie“. Im Land Salzburg arbeiten rund 700 Experten für die 90 Kommissionen – alle ehrenamtlich. „Für die Mitglieder der Kommissionen hat die Lawine einen Namen“, erzählt Niedermoser. Sie kennen Lawinenstriche, wissen um exponierte Stellen. Für die Lawinenwarnzentrale sind ihre Meldungen von unschätzbarem Wert. „Wir sind wie ein riesiger Datenstaubsauger“, beschreibt Niedermoser seinen Part. Die Meldungen sind neben technischen Messdaten, Erkundungsflügen oder dem Wetterbericht ein Baustein, aus dem der Lagebericht entsteht. Ein Produkt, für das „eine riesige Lawinenfamilie“ in Salzburg zusammenarbeitet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2019)