Raskolnikow, Mönch, Anarchist, Sargnagel

Jakob Elsenwenger brilliert als Dostojewskis zorniger junger Mann.
Jakob Elsenwenger brilliert als Dostojewskis zorniger junger Mann.Theater im Zentrum/Rita Newman

Kritik Thomas Birkmeir erzählt Dostojewskis „Schuld und Sühne“ als Parabel für Pubertierende: Großartig.

Rodion Raskolnikow war ein Bub, wie sich Eltern ihn nur wünschen können: Klug, wissbegierig, originell, ein bisschen unberechenbar und manchmal mürrisch, aber im Großen und Ganzen vielversprechend. Doch etwas ist mit dem Jungen passiert in der großen Stadt, seine Studien hat er abgebrochen, wandert ziellos herum, ergibt sich dem Menschenhass, hungert und wird nicht zuletzt dadurch immer verrückter. Mutter, Schwester, der Freund, alle sind ratlos . . .

Thomas Birkmeir, Direktor des Theater der Jugend, inszenierte im Theater im Zentrum Dostojewskis monumentalen autobiografischen Roman „Schuld und Sühne“. Fans kennen dieses Experiment schon, Martin Wuttke tobte bei den Festwochen mit gebrochenem Arm als Raskolnikow im Theater an der Wien, Castorf inszenierte. In Salzburg malte Andrea Breth gespenstische Miniaturen. Birkmeir versucht dem Stoff eine heitere Note zu geben, vor allem zu Beginn, wenn der junge Psycho sich auf einer Bank in seiner zellenartigen Behausung (mönchisch) zusammenrollt, während Mutter und Schwester seinen Niedergang beklagen. Tatsächlich ist Raskolnikow mit dem System überfordert. Wo soll er hin?


Anarchismus. Nichts hält mehr, sein Nihilismus wird befördert von dem schaurigen Elend aus Alkoholismus, verlassenen Kindern, Prostitution und Hartherzigkeit, das in seine sensible Seele fährt. Dostojewski erzählt in diesem Buch nicht nur von sich, sondern auch vom Ringen eines (russischen) Intellektuellen, der sich vom Kapitalismus nicht überwältigen lassen will, eher bekämpft er ihn mit Anarchismus, einer wichtigen Strömung im vorrevolutionären Russland, das sich (Rohstoffe!) vom Ausland übertölpelt und von seiner Oberschicht betrogen sah. Aus Dostojewskis weitschweifigen Tiraden, deren Studium (die Sprache!) lohnend, aber zeitraubend ist, destilliert Birkmeir glasklar die Geschichte eines Studenten, der durch einen Mord zu sich selbst findet, weil er feststellt, dass auch ein „Übermensch“ (Nietzsche) seinem Gewissen nicht entkommen kann.


Atavismus und Eifersucht. Jakob Elsenwenger entzückt als zorniger junger Mann in allen Facetten der Hauptfigur von bleich, geistreich, grüblerisch bis mutwillig, penetrant. Raskolnikow sprengt die Verlobung seiner Schwester Dunja mit einem reichen Geschäftsmann. Sie durfte nicht studieren, obwohl sie intelligenter ist als ihr Bruder – der sie mit atavistischen Verboten quält.

Kim Bormann (Dunja) hatte vor der Premiere einen Unfall, sie spielte trotzdem, mit verbundenen Beinen und atemberaubend in dieser stark bewegten Aufführung. Das Ensemble agiert hoch konzentriert. Shirina Granmayeh berührt als gottgläubige Prostituierte Sonja, Okan Cömert würde als undurchschaubar listiger Ermittler jeden TV-Krimi zieren.

Die meisten Darsteller haben mehrere Rollen, in denen sie überzeugend ihre Gaben zeigen. Herrlich ist Sara Livia Krierer als grausige Pfandleiherin, grausam unglückliche Ehefrau und als Raskolnikows Mutter, Mama und Sohn ähneln einander.

Weltekel, diese Phase durchlitten mit literarischem Gewinn einige, Hermann Hesses „Steppenwolf“, Strindberg oder Hamsun („Hunger“). Wer geordnetes Spiel und stringente Erzählungen ohne Mätzchen mag, wird diese Aufführung schätzen. Vielleicht sollte Birkmeir einmal im Volkstheater inszenieren.