Saison 2010: Der Donaukanal wird erwachsen

Saison 2010 Donaukanal wird
Saison 2010 Donaukanal wird(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Neue Projekte bringen mehr Schick und architektonische Raffinesse an den Donaukanal. Die Partypromenade versucht sich ernsthaft als Restaurantmeile. Auch Hochzeit feiern kann man "unten" schon.

Wer dieser Tage für ein erstes Eis am Schwedenplatz vorbeischaut, könnte glauben, dass Wien am Meer liegt. Und: Er läge damit gar nicht so falsch.

Denn wie ein mächtiger, gläserner Ozeandampfer, der mitten in der Stadt vor Anker gegangen ist, ragt der neue Schiffsterminal „Wien City“ vom Vorkai des Donaukanals in die Höhe. Die vom bekannten Architektenduo Fuchs & Fasch entworfene Anlage für Twin City Liner und Ausflugsschiffe, die mit Juli in Betrieb gehen soll, ist mit Sicherheit die markanteste Neuerung am Donaukanal. Darüber hinaus fasst sie zwei aktuelle Entwicklungen am Stadtgewässer zusammen. Erstens: Mit dem Terminal wachsen Kanalufer und Straßenniveau zusammen. Lange wurde beklagt, dass die steilen Treppen zum Vorkai wenig einladend und beschwerlich seien. Nun gibt es einen Lift, Rampen und ein Gebäude, das gut sichtbar von unten herauf wächst – allzu gut sichtbar? Der Bau verstelle den Blick in den 2. Bezirk, sei zu dominant, meinen Kritiker.

Punkt zwei birgt dagegen kaum Konfliktpotenzial: Das Projekt steht für mehr erwachsenen Schick am trüben Kanal. Für den unter anderem Gastronom Bernd Schlacher (Motto, Halle, Kunsthalle-Café) sorgen soll. Unter dem naheliegenden Namen „Motto am Fluss“ wird er im Komplex ein Café, ein Restaurant mit Bar (Stil: „Venedig der 50er“) und eine Edelgreißlerei betreiben, und will nicht nur Touristen, sondern auch ganzjährig Einheimische anlocken.

Womit er nicht der Einzige ist. Noch im Mai geht harte Konkurrenz an den Start. Mit dem Tel Aviv Beach eröffnet ein zweites „High-End-Projekt“, das insofern eine Premiere ist, als sich mit Haya Molcho eine Frau in die Herrenrunde am Donaukanal mischt. Die Gastronomin („Neni“ am Naschmarkt) hat das im Vorjahr befristet konzipierte Projekt übernommen und das Areal auf sechs Jahre gepachtet. Eva Beresin, die bereits das Neni entwarf, gestaltet auch den Tel Aviv Beach. Ein mühsames Unterfangen, wie sie meint. Die ursprünglichen Pläne mussten mehrmals überarbeitet werden – so ist etwa der geplante Pool direkt am Kanal wieder passé. Die aktuelle Variante sieht so aus: links ein großer Sandstrand mit beigen Schirmen, Bar und Duschen, rechts eine lange Holzterrasse mit Bäumen und dem zweistöckigen Restaurant im für Tel Aviv typischen Bauhausstil.

Mittagessen am Kanalufer

Gegessen wird vor allem draußen. „Das ist zu 99 Prozent eine Open-Air-Location“, meint Beresin. Nur die Küche selbst (Schwerpunkt sind israelische Gerichte), die lange Bar und die DJ-Kammer im oberen Stock sind überdacht, weshalb es keinen Ganzjahresbetrieb geben wird. Apropos DJ – das Motto lautet: dezent. Was sich schon in der Optik abzeichnet (die alte knallblaue Tel-Aviv-Skyline ist verschwunden), setzt sich in der Musik fort. Nach Anrainerbeschwerden im Vorjahr will man vor allem tagsüber feiern, ab 22 Uhr leise sein und wie das „Motto am Fluss“ und die Strandbar Herrmann auf Mittagsmenüs setzen. Das große Eröffnungsfest mit freiem Eintritt geht mit gutem Beispiel voran und wird um zehn Uhr vormittags beginnen. Auch andere Probleme – Stichwort: Palästinenser-Protest – hofft man zu umgehen: „Wir machen das ja jetzt privat“, sagt Molcho.

Und sonst? Beherrscht ein altes Thema den Kanal, das jedes Jahr neu aufkommt: das Bootstaxi (www.bootstaxi.at). Echten Linienverkehr wird es trotz Ankündigung auch heuer nicht geben, bedauert Betreiber Hans Litschauer. Immerhin wird aber seine neue Anlegestelle in Nußdorf fertig. Über weitere (Salztorbrücke, Pier 9) wird bereits verhandelt. Vor allem für das Zaha Hadid-Gebäude, in dem demnächst ein neues Lokal eröffnen soll, bemüht sich die SEG um eine Anlegestelle. Interessant: Der dortige SEG-Event-Raum „Spittelau 10“ wird vor allem für Hochzeiten genutzt. Heirat am Kanal als Trend? Auch für den Tel Aviv Beach gibt es Buchungen.

WM am Wasser

Gefeiert wird am Kanal in erster Linie aber heuer etwas anderes: die Fußball-WM. Pier 9, Strandbar Herrmann und wohl auch das Badeschiff, das Mitte April seine Neuerungen vorstellt, planen ein Programm. Große Hoffnungen macht sich das Flex: Dort wartet man auf die Genehmigungen für eine schwenkbare LED-Wand, Dachterrasse und einen Würstelstand.

(c) Die Presse

Etwas länger warten muss man auf die Nutzung des Schützenhauses, wo das Konzept noch aussteht, und auf den „Connecting Link“ zwischen Urania und Strandbar. Der Entwurf des Londoner Büros Krolikowski und Schmitt wurde heuer vorgestellt, soll aber erst 2012 realisiert werden. „Die erste Klappbrücke Wiens“ wird sich hochklappen lassen, wenn Hochwasser droht oder Schiffe kommen. Ozeandampfer oder so.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2010)

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