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Klimawandel brachte die Plagen

Klimawandel brachte Plagen
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Tropfsteine in Höhle bei Hintertux zeigen Trockenheit auch in Ägypten.

Als die Frösche aus dem Nil kamen und das Land erst mit ihrem Gewimmel und dann mit Verwesungsgestank füllten, muss den Ägyptern auch deshalb Angst und Bange geworden sein, weil der Frosch das heilige Tier ihrer Geburtsgöttin Heket war, sie ist oft selbst froschköpfig dargestellt. Aber der Pharao blieb starr, er ließ Moses und die Seinen nicht ziehen und handelte sich am Ende den Tod der Erstgeborenen ein. Das war die zehnte Plage, für sie gibt es keine natürliche Erklärung. Für die anderen hat man seit 1912, als der Ägyptologe Flinders Petri profane Gründe hinter dem Grauen suchte, viele Kandidaten, die alle den gleichen Auslöser brauchen: einen Klimawandel.

 

Blutiger Nil

Es gab einen: „Während der Regierungszeit von Ramses II. war es feucht, da war es gut in Ägypten“, berichtet Nicole Vollweiler (Heidelberger Akademie der Wissenschaften) der „Presse“, „dann zeigt die Kurve nach unten.“ Die Kurve stammt aus Tropfsteinen in der Spannagel-Höhle bei Hintertux, in ihnen ist die nordatlantische Oszillation von Azorenhoch/Islandtief archiviert, die auch das Klima im östlichen Mittelmeer bestimmt (Geophysical Research Letters, 33, L20703). Das wurde zu der Zeit trocken, als die Hebräer ausziehen wollten, um 1220 v.Chr. Aber der Pharao – vermutlich Ramses II. oder Merenptach – ließ sie nicht. So schlug Moses auf Jahwes Weisung mit seinem Stab „vor den Augen des Pharao und seiner Höflinge auf das Wasser im Nil. Da verwandelte sich alles Nilwasser in Blut“ (Exodus 7, 20).

Der Pharao bleibt starr, „Aaron streckte seine Hand über die Gewässer Ägyptens aus. Da stiegen die Frösche heraus und bedeckten ganz Ägypten.“ Vermutlich blühten im kaum mehr fließenden Nil Burgunderblutalgen – sie sind rot – oder Geißelalgen, deren Nervengifte Fische töten. Ihr Blut könnte das Wasser gefärbt haben, vermuten Anna und Hermann Levinson, insektenkundige Mitarbeiter des MPI für Ornithologie in Seewiesen (Deutsche Gesellschaft für Entomologie Nachrichten, 22, S.83).

Ein Fischsterben hätte das Futter der Fische, Frösche und Insektenlarven aufblühen lassen, aber die Frösche hätten bald aus dem unwirtlichen – von der Algenblüte vergifteten und sauerstoffarmen – Wasser ausziehen müssen. Als sie auf dem Land starben, fielen auch sie als Insektenfresser aus, ihre Beute konnte sich weiter vermehren. Das brachte vermutlich die unterschiedlichsten Mücken- und Stechmückenschwärme und die von ihnen übertragenen Krankheiten bis hin zum Milzbrand (Anthrax), der in Plage sechs „Menschen und Vieh Geschwüre mit aufplatzenden Blasen“ brachte.

Folgen 7. „schwerer Hagel“, 8. „ein Heuschreckenschwarm“, 9. „tiefe Finsternis, drei Tage lang. Man konnte einander nicht sehen“. Die Heuschrecken lassen sich leicht einpassen, „Hagel“ und „Finsternis“ schwer. Manche vermuten dahinter den Vulkan Thera, der das heutige Santorin explodieren ließ. Aber das war viel früher, um 1600 v.Chr. Da half auch der Versuch des niederländischen Geologen von Rein van Bemmelen nichts, die Chronologie umzudrehen und die Plagen mit der Dunkelheit durch die Thera-Wolke beginnen zu lassen (das Auswurfmaterial hätte dann den Nil gefärbt und vergiftet und auch den Hagel gebracht).

Vielleicht brachten extreme Sandstürme die Finsternis, wie auch immer, der Pharao blieb starr, bis zum Tod aller Erstgeborenen. Für den gibt es keine Erklärung. Aber nun durften Moses und sein Volk endlich ziehen, zu Pessach, das heuer mit Ostern zusammenfällt. Wer keinen Spaziergang machen will oder kann und Zugang zum TV-Channel von National Geographic hat, kann am Ostersonntag eine Plagen-Doku ansehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2010)