Maturanten: Ohne Umwege zum ersten eigenen Geld

(c) AP (JOERG SARBACH)
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Vor allem HTL-Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Aber auch nach der AHS-Matura muss man nicht unbedingt (gleich) ein Studium beginnen. Betriebsinterne Ausbildungswege eröffnen Karrierechancen.

Frühlingszeit ist Maturazeit. Wieder einmal bereiten sich tausende Maturanten auf die letzte große Prüfung ihrer Schulzeit vor. Wer hat da noch den Kopf frei, um über die Zukunft nachzudenken?

Ziemlich wenige, wie Karin Steiner im Zuge einer Studie im Auftrag des Arbeitsmarktservice (AMS) herausfand. Demnach wissen 53Prozent der AHS-Maturanten nicht, welchen Beruf sie später ausüben werden, 42 Prozent wollen eine Entscheidung erst nach der Reifeprüfung treffen. Schließlich zieht es die Mehrzahl der Maturanten, egal, ob sie eine HTL, BHS oder AHS besucht haben, ohnedies an die Hochschule.

Laut Günter Nowak, Autor einer weiteren AMS-Studie unter dem Titel „Monitoring Matura“, streben etwa 40 Prozent der Maturanten einen direkten Berufseinstieg an, wobei in dieser Gruppe die HTL-Absolventen an erster Stelle stehen.

Zu wenig Berufsinformation?

In den technischen Berufen werden die Möglichkeiten, unmittelbar nach der Schule einen Job zu bekommen, offenbar noch am höchsten eingestuft – ansonsten gelten sie als eher bescheiden. Eine Ansicht, die jedoch von den Personalverantwortlichen in Betrieben nicht immer geteilt wird. „Maturanten haben mehrheitlich die Sichtweise, sie müssten studieren, weil sie mit der Matura ohnedies keine andere Wahl hätten. Dabei müssten sie nur über den Tellerrand blicken, um die vielen Aufgabengebiete innerhalb eines Unternehmens zu entdecken“, meint etwa Rewe-Personalchef Johannes Zimmerl. Auch in einem Handelsbetrieb gebe es viele Berufsbilder. HAK-Maturanten hätten es beim direkten Berufseinstieg freilich leichter als Absolventen einer AHS, die auf keine spezifische Berufsausbildung verweisen können. Aber auch für Letztere gebe es Entwicklungsmöglichkeiten im Konzern, „etwa im Rechnungswesen“, so Zimmerl.

Studienautor Nowak konstatiert, dass Maturanten oft das Wissen über ihre künftigen Aufgaben in der Arbeitswelt fehle: „Der Informationsstand zu Berufen ist deutlich geringer als zu Ausbildungen.“ Eine Ansicht, die Bernhard Wolfschütz, Personalchef bei der Oberbank, nicht teilt: „Die jungen Leute sind heute sehr kritisch und suchen ihren Arbeitgeber genau aus. Sie fragen sich dabei, ob sie überhaupt in die Branche passen.“ Was Wolfschütz auch für sinnvoll hält. Er rät jedem Berufseinsteiger, zunächst die eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse zu hinterfragen. Für einen Job als Bankberater etwa müsse man vertriebsorientiert sein, Menschenkenntnis und Empathie mitbringen. Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet, stünden die Chancen für Maturanten gut, ein „Training on the Job“ durchlaufen zu können, und zwar nach der AHS ebenso wie nach der HAK, da ohnedies alle dieselben internen Ausbildungsmodule absolvieren. Und: Auch Hochschulabsolventen, die im Vertrieb ihre Karrierechance sehen, müssten die speziellen Produkte und Inhalte erst lernen.

Und selbst in Branchen, in denen typischerweise vor allem Akademiker tätig sind, ist eine Karriere ohne Hochschulstudium nicht unbedingt ausgeschlossen. „Wir haben erst vor wenigen Jahren begonnen, Stellen mit HAK-Absolventen zu besetzen – und das hat sich bereits bewährt“, erzählt Esther Brandner-Richter, HR-Managerin bei der Steuerberatungsgesellschaft Ernst & Young. Berufseinsteiger starten dort als Junior Assistant und schlagen schließlich einen ähnlichen Karrierepfad wie Akademiker ein, „nur dauert dieser bei Maturanten etwas länger“, so Brandner-Richter. „Es gibt bei uns bereits HAK-Absolventen, die im Management tätig sind. Um Partner werden zu können, ist jedoch ein Studium Voraussetzung.“

Erst arbeiten, später studieren

Man müsse nicht unbedingt studieren, um es im Beruf zu etwas zu bringen, meint auch Wolfschütz. „Und niemand muss wegen der Wirtschaftskrise in ein Studium flüchten.“ Man versäume nichts, wenn man nach der Matura gleich in den Beruf einsteigt und vielleicht erst später, mit einer Portion Berufserfahrung, ein Studium startet.

Dass Maturanten durchaus Jobchancen haben, bestätigt auch Arthur Schneeberger vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw). Besonders HTL-Absolventen seien auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt. „Im Prinzip gibt es mehr offene Stellen für Maturanten als für Uni-Absolventen. Und trotz technischer Studiengänge an den Fachhochschulen kann sich die HTL als Ausbildungsstätte am Arbeitsmarkt behaupten“, macht er jenen Mut, die nach der Matura vom Lernen erst einmal genug haben und endlich ihr eigenes Geld verdienen möchten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2010)

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