Bad Bunny, der neue König des Latin-Pop

Mit seiner tiefen, sanften, nasalen Stimme eroberte er sich eine Vielzahl von Stilen: Bad Bunny, geboren als Benito Antonio Martínez Ocasio 1994 in San Juan, Puerto Rico, präsentiert sein erstes Album: „X 100PRE“.
Mit seiner tiefen, sanften, nasalen Stimme eroberte er sich eine Vielzahl von Stilen: Bad Bunny, geboren als Benito Antonio Martínez Ocasio 1994 in San Juan, Puerto Rico, präsentiert sein erstes Album: „X 100PRE“.(c) Rimas

KritikMit Singles und Gastauftritten hat Bad Bunny aus Puerto Rico den US-Mainstream erobert. Sein unerwartetes erstes Album ist mehr als eine lästige Pflichtübung.

Kaum jemand hätte ein Album weniger nötig als der Shootingstar des vergangenen Jahres: Bad Bunny, geboren als Benito Antonio Martínez Ocasio, genügte eine schier endlose Zahl an Singles und Gastauftritten, um den US-Mainstream zu erobern. Mit seiner tiefen, sanften Stimme eignet er sich eine Vielzahl an Stilen an: In den in Summe gut 60 Songs der letzten beiden Jahren bewegte sich der 24-jährige Musiker aus Puerto Rico mühelos zwischen Hip-Hop, Latin-Trap, Reggaeton, Cumbia, Salsa oder Dembow. Und zwischen (Autotune-)Gesang und Rap.

Er hat verstanden, dass man im aktuellen, von Streaming und Playlists geprägten Pop-Koordinatensystem nicht immer selbst im Zentrum stehen muss, um zu reüssieren. Strategisch geschickte Kooperationen, etwa als Gast bei Cardi Bs Sommerhit „I Like It“, erwiesen sich als genauso effizient wie eigene Songs. Dass der kanadische Rap-Superstar Drake im Stück „MIA“ für ihn auf Spanisch gesungen hat, zeugt davon, dass Bad Bunny auch ohne Album in der ersten Pop-Liga angekommen ist. Genauso wie Platz drei der am meisten gestreamten Künstler auf YouTube im Jahr 2018.

Umso überraschender war es, als er ohne Ankündigung ausgerechnet am Heiligen Abend sein Debütalbum, „X 100PRE“, veröffentlichte. Ein spätes Zugeständnis an ein altes System, das er so erfolgreich alt aussehen ließ? Eine lästige Pflichtübung? Keineswegs. Es ist ein konsistentes Album, das Exzentrik, Vision und Geschichtsbewusstsein vereint. Bisweilen in einem Song: „La Romana“ etwa beginnt mit traditionellen Gitarrenklängen des dominikanischen Stils Bachata, bald begleitet von einem voluminösen Trap-Beat, bis Klänge wie von einer hängen gebliebenen CD einen radikalen Bruch markieren. Es folgt ein harter, pumpender Dembow-Beat (eine Variante von Reggaeton), der den Song um das Doppelte beschleunigt, angefeuert von den wahnwitzigen Raps von El Alfa, dem Star des Genres. Davon aufgekratzt, kehrt Bad Bunny mit seiner prägnanten, nasalen Stimme noch energischer zurück: Ein Höhepunkt des Albums.

In „Otra Nocheaa en Miami“ croont er im Refrain zu übernachtigem Synth-Pop. „Solo de mi“ besticht als sanft pochender, trauriger Reggaeton (und mit einem Video, das häusliche Gewalt an Frauen verurteilt), bis nach gut zwei Dritteln eine Sirene aufheult – und der Song zunehmend klaustrophob wird. In „Tenemos que hablar“ wagt er sich an ein Genre, das bereits im Emo-Rap diverser Soundcloud-Stars nachgehallt ist: Pop-Punk. Mehr Kraft entwickelt „200 MPH“, in dem Bad Bunny über einen Trap-Beat rappt, für den man sich auch in Atlanta, dem Geburtsort dieser Hip-Hop-Spielart, nicht genieren müsste.

Die Klammer dieses stilistisch diversen, vor Ideen nur so sprühenden Albums ist die melancholische, dunkle Stimmung. Sie weicht nur am Ende zart euphorischen Klängen: „Estamos bien“ und „MIA“, beide zuvor als Singles veröffentlicht, wirken wie lang ersehnte Sonnenstrahlen. „X 100PRE“ ist ein Höhepunkt im aktuell prosperierenden Latin-Pop: So wie die spanische Flamenco-Erneuerin Rosalía oder der kolumbianische Reggaeton-Star J Balvin erreicht Bad Bunny mit bisweilen abenteuerlichen Klängen ein globales Pop-Publikum – ohne ein englischsprachiges Crossover bemühen zu müssen.

Bad Bunny: „X 100PRE“
Bad Bunny: „X 100PRE“(c) Rimas, nur bei Streamingdiensten

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2019)