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Usbekistan buhlt um Besucher

Folkloredarbietung in einer Karawanserei: Ausländische Touristen können bald ungehindert nach Usbekistan reisen.
Folkloredarbietung in einer Karawanserei: Ausländische Touristen können bald ungehindert nach Usbekistan reisen.(c) Getty Images (ullstein bild)
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Die Republik an der historischen Seidenstraße setzt auf Tourismus. Ab Februar dürfen Österreicher visumsfrei in das Land. Eine Herausforderung ist die veraltete Infrastruktur.

Buchara/Taschkent. In einer Karawanserei im Zentrum Bucharas werden für Zentralasien untypische Köstlichkeiten serviert: Apfelstrudel, Nusstorte – und dazu Cappuccino. Das Café Wishbone ist bei Touristen beliebt – sie sind es, die die verschlungenen Gässchen der islamisch geprägten Altstadt bevölkern und sich neben dem allgegenwärtigen Grüntee nach aromatischem Kaffee sehnen. Für Akmal Sabirow, den Manager des minimalistisch eingerichteten Kaffeehauses, läuft das Geschäft ausgezeichnet. Vor allem in den vergangenen Monaten. „Es kommen immer mehr Besucher“, erzählt er. Das Geschäft laufe so gut, dass eine Filiale eröffnet werden soll – im zweiten Touristenmekka Usbekistans, der Stadt Samarkand.

Tourismus boomt in Usbekistan. Experten bestätigen den Aufwärtstrend. Schachnosa Bajsakowa, die seit mehr als zehn Jahren für die Incoming-Tourfirma Dolores arbeitet, vermeldet 34 Prozent Zuwachs für das Unternehmen für 2018 im Vergleich zum Vorjahr. Zählte man 2017 noch 8000 Kunden, waren es 2018 mehr als 10.000. Einen Anstieg verzeichne man sowohl bei den organisierten Touren als auch bei Individualbesuchern. Eine Herausforderung für die veraltete Infrastruktur, sagt Bajsakowa: „Wir haben nicht genügend Betten für die Besucher.“
Schon unter dem repressiven Regime von Islam Karimow waren Gruppenreisende willkommen, da sie Devisen ins Land brachten. Der seit 2016 regierende Staatschef Schawkat Mirsijojew, der eine Politik der Öffnung verfolgt, muss die Wirtschaft ankurbeln. Tourismus-Entwicklung ist eine Priorität.

Potenzial ist da: Städte wie Chiwa, Buchara und Samarkand an der historischen Seidenstraße haben für Kulturtouristen viel zu bieten. Doch der gegenwärtige Boom geht von niedrigem Niveau aus: Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt liegt unter einem Prozent. 4,5 Millionen Ausländer besuchten im Vorjahr Usbekistan. Nur zehn Prozent davon waren Touristen.

 

Zügige Pass- und Zollkontrolle

Ein Maßnahmenpaket soll schnellen Erfolg bringen. Ab dem 1. Februar dürfen Österreicher und Bürger von 44 weiteren Staaten für 30 Tage visumfrei in das Land reisen. Auch die Ankunft am Flughafen Taschkent wurde verbessert. Früher waren die Einreise- und Zollformalitäten ein mühseliges Unterfangen; der Airport schaffte es 2016 noch auf den vierten Platz im Ranking der miesesten Flughäfen weltweit. Heute dauert die Einreise keine Viertelstunde – auch dank des neu eingeführten grünen Korridors. Bei der Passkontrolle wünscht der Beamte einen angenehmen Aufenthalt. Hier will jemand guten Eindruck hinterlassen.

Assoziationen von Kinderarbeit, Willkürherrschaft und Staatskontrolle sollen also der Vergangenheit angehören. Usbekistan präsentiert sich als aufstrebendes Land, als Herz der Seidenstraße.


Es sind Menschen wie Behruz Hamsajew, die an dem neuen Image arbeiten. Der 29-Jährige ist Marketingchef im Nationalen Tourismuskomitee, hat in Südkorea studiert und ist unlängst von der Privatwirtschaft zum Staat gewechselt. Gemeinsam mit einer Handvoll Neo-Beamter sitzt er in einem fensterlosen Raum hinter Computern. Wie in einem Situation Room tüftelt die Gruppe an einem neuen Logo und fragt sich, was zu tun ist, damit Besucher länger im Land bleiben. Das Plansoll ist bereits definiert: Bis 2030 sollen zehn Millionen Urlauber nach Usbekistan kommen. „Eine sehr hohe Zahl. Aber in zehn Jahren ist das möglich“, sagt der schlanke, enthusiastische junge Mann.

 

„Wir müssen nichts erfinden“

Vor allem die Infrastruktur muss mitwachsen – Straßen, Bahn- und Flugverbindungen und Unterkünfte. Heute stehen nur 21.000 Betten pro Nacht zur Verfügung. „Wir wollen internationale Hotelketten nach Usbekistan bringen“, sagt Hamsajew, der sich mehr Mittelklasse-Unterkünfte wünscht.

Auch eine Privatisierung der nationalen Fluglinie würde Besucherströme ankurbeln. Uzbekistan Airways agiert am Airport Taschkent als Quasi-Monopolist, für Besucher bedeutet das hohe Ticketpreise bei geringer Verbindungszahl. „Sie haben nur 27 Flugzeuge!“, ereifert sich der Marketing-Experte. Hamsajew ist trotz allem optimistisch. Sein Land verfüge über alle Zutaten, um ein erfolgreiches Reiseziel zu werden: herausragende Architektur, schmackhaftes Essen, gastfreundliche Menschen. „Wir müssen gar nichts erfinden: Es ist, was es ist.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2019)