Wachau: Kräftige Struktur, großes Potenzial

(c) ORF (Steve Haider)
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Historisch genau betrachtet liegt die Urwachau in und rund um Weißenkirchen. Und in der Gegenwart kann der stimmungsvolle Weinort den Beweis dafür antreten.

Noch ist die Donau da, wo sie sein soll: in einer Kurve, tief eingegraben zwischen einer dicht bewaldeten Hügelkette und steilen Hängen mit trockenen Weinterrassen. Schnell wie ein Alpenfluss, schiebt sie jedoch so viel Sediment vor sich her, dass das schwer Vorstellbare passieren wird: Die Donau wird sich auffüllen, austreten und dann nach Süden ausscheren aus dieser Kurve, die Gourmets, Weinkenner und Unesco-Weltkulturerben als „die Wachau“ anbeten.

Wir befinden uns in erster Weißenkirchener Lage, stehen auf den obersten Terrassen der Ausnahmeriede Achleiten. Von dort blinzeln wir in die milde Frühlingssonne, schauen in die allerfernste geologische Zukunft der Wachau. Es beruhigt uns zu wissen, dass der Strom noch Jahrmillionen arbeiten muss, bis er ein Sankt Pöltner oder ein Mostviertler wird. Noch gefasster macht uns die Tatsache, dass bis dahin noch Tonnen an fantastischen Grünen Veltlinern, Rieslingen und Gelben Muskatellern auf dem Gneis und dem Urgestein wachsen werden. Vielleicht könnten, Stichwort Klimaerwärmung, noch ein paar Rebsorten dazukommen, ein Zweigelt, ein St. Laurent – das soll uns nicht stören. Alles zu kosten ist schließlich das unmittelbare Ziel einer langen, idyllischen Riedenwanderung über die Höhen von Weißenkirchen. Und es ist eine Art Genuss-Auftrag für jeden, der sich ein paar Tage in diesem schönen alten Ort gönnt.

Weißenkirchen hat den größten Wein-Output der Wachau und beheimatet viele bekannte, mitunter experimentierfreudige Weingüter: Prager, Jamek, Jäger, Kartäuserhof (um nur einige zu nennen). Es ist also von Anfang an sinnlos, den Abstinenzler zu mimen, wenn doch eine Waldviertler Lachsforelle mit einem „Pinot Pink“ oder einem Grünen Veltliner Federspiel so viel besser schwimmt als ohne. Auch nicht auszudenken, zwar hübsch an der Donau zu tafeln, aber auf die Kernfusion von Welsfilet mit einem Riesling Smaragd zu verzichten. Nein, das geht gar nicht, denn man kann nach einer allzu intensiven Verkostung in Weißenkirchen bequemst übernachten, auch spontan.

Hauben, Höfe, hundert Prozent

Es hat Understatement, wie dieser Ort seine wahre Größe nicht laut vor sich herträgt. Aber man merkt es doch: Da tut sich Neues, ganz unabhängig vom nahenden Saisonbeginn. Man kann dieses Gefühl besser benennen, sobald man in Kontakt mit der jungen Arge „100 % Wachau“ kommt: Das ist in einem von sieben Gastronomie- und Servicebetrieben der Fall. So finden sich bei diesen „Hundertprozentigen“ auf Haubenhöhe das Restaurant Heinzle und der Donauwirt – hier sind Maria und Toni Rosenberger auch Quartiergeber mit Herz. Da sind Marlies Mandl, die mit ihrer Mutter ein stimmiges Hotel garni, den „Donauhof“, betreibt, und Annemarie Heller, die eine nette Pension in historischen Mauern einer früheren Schneiderei führt, treibende Kräfte.

Am besten lernt der Besucher alle Anbieter kennen, wenn er die „Dine around“-Möglichkeit nutzt, das heißt, seine Halbpension einmal da, einmal dort einlöst. Also auch einmal beim Kirchenwirt einkehrt, einmal Slow Food im „Alten Zechhaus“ genießt. Und damit er erfährt, warum die Weißenkirchener so viele prächtige Lesehöfe, so mächtige Architektur und ein bürgerliches Selbstverständnis haben, legt er ein paar Schritte ein. Judith Ottmann vom Tourismusverband zeigt einem beim Kräuterwandern, was alles zwischen den Trockenmauern wächst, die Guides vom Heller-Kitzwögerer Gästeservice lassen hinter die Mauern und zwischen die Arkaden blicken. „Die Wachau ist ein Lebensgefühl“, sagt Toni Bodenstein, der Bürgermeister, Historiker und Winzer im beeindruckenden Teisenhoferhof. Es wäre auch gar nicht vermessen, aus der Geschichte den Anspruch auf „die Wachau“ zu erklären. Als 850 ein „Thal Wachau“ erwähnt wurde, war tatsächlich nur ein Gebiet gemeint, Weißenkirchen und die heute dazu gehörenden Orte Wösendorf, Joching und St. Michael.

Alle vier sind nicht so berühmt und nicht so frequentiert wie Dürnstein oder Spitz. Das ist aber auch ihr Gewinn. Hier tut man sich schwer, den Ort allzu sehr auf Souvenir zu trimmen und Horden zu locken. Im Moment schaut alles gebannt auf die Bäume. Es kann sich ja nur mehr um wenige Tage handeln, bis die weißen Blüten hervorbrechen und die halbe Wachau mit einem Schleier überziehen. Spätestens, wenn die Marillen beschließen zu blühen, ist Frühling, und an der Donau kann die Saison losgehen. Manche Weißenkirchener warten noch auf etwas anderes: Nämlich darauf, dass die Bauarbeiten abgeschlossen sind, die Promenade planiert wird – der massive Hochwasserschutz steht ja schon. Der Donauwirt hat die schweren Oleandertröge jedenfalls schon nach draußen in den Gastgarten gestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2010)


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