Was darf Journalismus? Endstation Hardcore- Boulevard

darf Journalismus Endstation Hardcore
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Politiker beim Seitensprung ertappen? Skinheads ausstatten? Braucht es einen neuen Ehrenkodex für Politiker oder Journalisten? Besser wäre, die Medienkompetenz im Publikum auszubauen, meinen Medienexperten.

Er inszeniert auch: der Pressefotograf, der zur Unfallstelle die Grabkerzen selber mitbringt“, sagt ATV-Nachrichtenchef Alexander Millecker. „Wir Medien inszenieren alle, allein durch unsere Themenauswahl.“ Kritisch wird es für Millecker allerdings, wenn das Medium selbst durch seine Berichterstattung zum „politischen Akteur“ wird – für ihn ist das dem ORF im Zuge der „Schauplatz“-Diskussion passiert.

Die Folge „Am rechten Rand“ der Reportage-Reihe hatte Aufsehen erregt, weil FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache den ORF beschuldigte, Skinheads zu seiner Wahlveranstaltung „bestellt“ und ihnen für möglichst provokante Sager Geldprämien versprochen zu haben. Strache will ein „Sieg Heil“ gehört haben; glaubwürdige Zeugen oder Mitschnitte fanden sich aber keine. Selten gingen die (Fach-)Meinungen so stark auseinander wie bei den Reaktionen auf diesen Vorfall: Was ist der springende Punkt? Dass die Skinheads Geld bekamen? Dass das ORF-Team sie im Auto zur FPÖ-Veranstaltung fuhr? Oder ob sie sich dort – vom ORF angestiftet – nationalsozialistisch wiederbetätigten? Bezahlung, Inszenierung oder Manipulation?


Medienkompetenz: Ungenügend. Die Gegenfrage stellt sich mit dem Buchtitel des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ Hannes Haas etwa, Chef des Publizistikinstituts der Universität Wien, überraschte im Fall „Schauplatz“ eines: Wie wenig bewusst Politikern wie auch Publikum die permanente Inszenierung der „Medienwirklichkeit“ ist. „Plötzlich wundern sich die Leute, dass nicht wie bei Truffaut kammerspielartig durchgefilmt wird – das zeigt, dass es mehr Medienkompetenz braucht: Wie funktioniert Fernsehen? Was passiert bei einer TV-Reportage? Das muss schon an den Schulen beginnen.“ Für Haas ist Journalismus prinzipiell ein Interessenskonflikt: „Auf der einen Seite gibt es die mehrfach abgesicherte Pressefreiheit, auf der anderen die entsprechenden Schutzinteressen.“ Caroline von Monaco ist für ihn der Präzedenzfall: Wiewohl eine „Person des öffentlichen Interesses“, darf sie sich von Paparazzi ungestört privat bewegen. Daher hätte Haas zufolge auch Natascha Kampusch nicht in der Disco fotografiert werden dürfen.

Der deutsche Medienexperte Jo Groebel, Chef des Deutschen Digitalinsituts in Berlin, erzählt von einem, dem „Schauplatz“ ähnlichen, Fall in Deutschland: In den Neunzigern gab es eine Debatte um die mediale Präsenz der rechten Szene. Auslöser war eine Neonazi-Demonstration, zu der Medienvertreter scharenweise anrückten. Die Demo war dann allerdings viel kleiner als erwartet. „Doch in den Medien wurde das, obwohl so marginal, aufgeblasen“ – um die eigene Berichterstattung zu rechtfertigen.

Umgekehrt passiert häufig etwas nur für die Kamera, gibt Groebel zu bedenken, wird manchmal – ob öffentlich-rechtliches oder Privat-TV – gar verstärkt, um konkurrenzfähig zu sein. Trifft das im ORF-Fall vielleicht sogar auf Strache selbst zu? Der ORF-Redakteursrat pocht immer noch auf eine Verleumdungsklage gegen den FPÖ-Chef. Und der ORF könnte zum künftigen Selbstschutz Programmrichtlinien konkretisieren. „Das sagt die eine Seite“, meint ORF-Kommunikationschef Pius Strobl, „die andere will nicht noch mehr Regulative“.


„Minister fucks secretary.“ Der Grat zwischen „Opferschutz“ und „Manipulation“ also ist ein schmaler – wie aber ist dann ein mediales Schweigegelübde zu werten? Schließlich gibt es brancheninterne Vorsätze, über manches gerade nicht zu berichten. Eva Dichand, Herausgeberin der Gratiszeitung „Heute“ und Schwiegertochter von „Krone“-Herausgeber Hans Dichand, erzählt: „Am britischen Boulevard, so schreibt der Ex-,Daily Mirror‘-Chefredakteur Piers Morgan, passiert folgendes: Wenn die wissen, dass ein Politiker eine Freundin hat, warten sie so lange vor dem Hotel, bis er mit ihr rauskommt, machen ein Foto – und dann schreiben sie: ,Minister fucks secretary.‘ Das ist Hardcore-Boulevard.“

Das würde in Österreich nicht passieren, so Dichand: „Es gibt gewisse ungeschriebene Grenzen. Bei Klestil etwa wussten alle Journalisten, dass er eine Freundin hat, und haben es lange nicht geschrieben.“ Auch Promi-Kinder seien tabu, wobei: „Die Tageszeitung ,Österreich‘ [„Heute“-Konkurrenz, Anm.]bricht das schon manchmal – bei Gusenbauers Tochter und dem Lycée-Rauswurf finde ich das besonders arg.“ Im News-Verlag und in der „Krone“, meint Dichand, „gibt es Herausgeber, die das nicht machen würden“. Dichands Blatt „Heute“ zeigte allerdings 2007 Fotos von Natascha Kampusch beim Schmusen in einer Disco. Ein heimisches Gericht billigte das - allerdings nur in erster Instanz. Kampusch bekam schließlich recht, durch das Foto in ihrem höchstpersönlichen Lebensbereich bloßgestellt worden zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2010)