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Stadtplan: Handwerk vermittelt Ethos

Günter ist Pensionist. Er ist gelernter KFZ-Mechaniker, Schlosser und Schmied. Metallbearbeitung und junge Menschen, das war, das ist sein Leben.

Fast 30 Jahre hat er in einer HTL in Kärnten Metallfertigkeiten gelehrt. Jetzt war Günter in Südafrika, in einer Townshipschule. Sechs Wochen lang hat er Schülern Grundfertigkeiten der Metallbearbeitung vermittelt, eine Werkstatt eingerichtet, den Tisch selber gebaut und eine Ahnung jenes Schatzes in diese Schule gebracht, die in unserer heimischen Bildungsdiskussion viel zu wenig beachtet wird: Handwerk. Dessen Wert erschließt sich erst, wenn es fehlt. Nicht nur in Afrika, sondern in weiten Teilen der Welt, auch in den USA sind selbstständige, gut ausgebildete Handwerker Mangelware.

Eine These sei hier aufgestellt, sie zu überprüfen, wäre eine lohnende Aufgabe für Ökonomen: Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der zwar erodierenden, aber immer noch soliden handwerklichen Ausbildung in Österreich und Deutschland, und deren hohen Exportquoten. Die Löhne in diesen Ländern sind hoch, trotzdem setzen sie sich am Weltmarkt durch. Selbst jetzt, in der Krise. Denn in diesen Ländern gibt es eine jahrhundertealte Kultur des Handwerks, der kleinen Betriebe sowie der dualen Ausbildung: Lernen im Betrieb, Lehrling-Geselle-Meister. Davon profitiert auch die Industrie. Diese Tradition, dieser Schatz ist seit längerem bedroht. Handwerk gilt als minderwertig. Beschleunigt wird diese Erosion durch unser Kaufverhalten: Billige, industriell gefertigte und importierte Möbel aus Einrichtungshäusern werden handwerklich hergestellten aus der Region vorgezogen. Bei Kleidung ist es ähnlich. Zu teuer? Bei Autos, man sehe sich nur auf den Straßen um, fahren nicht vorwiegend billige Gebrauchtwagen. Warum leistet man sich ein teures Auto, bei Tischen oder Schuhen jedoch kauft man auf billige seelenlose Importware? Es gibt zum Glück eine gegenläufige Tendenz. In Vorarlberg oder der Oststeiermark zum Beispiel. Die Politik sollte diese Initiativen unterstützen. Steuerlich, aber auch mit neuen Ausbildungswegen. Matura und Lehre wird noch immer viel zu selten angeboten.

„Solides Handwerk” vermittelt auch Ethos. Günter hat sein Unterrichten in Afrika aus eigener Tasche bezahlt. Es war und ist ihm wichtig. Denn er ist sehr stolz auf seinen Beruf, der eigentlich eine Berufung ist. Wir sollten stolz auf ihn und Seinesgleichen sein.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2010)