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Der „Tag des Zorns“ endet in tiefer Depression

Kritik Mercedes Echerer gelingt ein erstklassiges Regiedebüt mit dem politischen ungarischen Drama von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij. Das Ensemble zeigt bei diesem schweren Stoff Elan und auch Witz.

Zwei Krankenschwestern erheben sich, sie üben Widerstand, prangern die Missstände auf ihrer Station der Neonatologie an. Schon gehen sie durch die Reihen des Publikums im Theater Drachengasse und versehen es mit Aufklebern des Protests. Sie kündigen ihn per Megafon auf einer Treppe an, die hinter die von Zsolt Kemenes sparsam, aber geschickt gestaltete kleine Bühne führt. Sie rufen den „Tag des Zorns“ aus. So heißt auch das Drama von Éva Zabezsinszkij und Árpád Schilling, dem gesellschaftskritischen ungarischen Autor und Regisseur, den die autoritär agierende Regierung Viktor Orbáns in Ungarn längst zum „Staatsfeind“ erklärte.

Das Stück beruht auf einer wahren Geschichte – so vertrackt kann tatsächlich nur die Realität sein: Es scheint zwar, als würde der Mut der Demonstrantinnen belohnt werden, die um das Leben von Frühchen kämpfen. Zumindest verlangen sie eine Grundversorgung, weniger Überlastung. Umsonst. Der zuständige Minister zeichnet sie zwar mit einem Orden aus, doch danach wird die Station geschlossen. Die clevere Schwester baut auf ihr Verhältnis zum Direktor und sattelt auf Maklerin um, die andere, selbstlose Schwester verliert ihren Job (Suse Lichtenberger spielt diese Erzsébet Fekete mit Herzblut). Sie muss für ihre Teenager-Tochter Evelin (Simone Leski) und ihre kranke alte Mutter (Babett Arens) sorgen. Im Mittelpunkt stehen der Abstieg dieses bescheidenen Haushalts dreier Generationen und vor allem das Porträt einer ausgebeuteten Frau.

„Tag des Zorns“ hatte am Montag in Wien die österreichische Erstaufführung. Es ist das Regiedebüt der Schauspielerin Mercedes Echerer, die 1999 bis 2004 als Abgeordnete für die Grünen im Europaparlament politische Erfahrung gesammelt hat. Vielleicht trug diese Aufgabe ein wenig zur Emphase der Inszenierung bei. Für die Koproduktion mit neuebuehnevillach gab es bei der Premiere jedenfalls ausdauernd Beifall.

 

Ein Teenager unter Konsumzwang

Zu Recht. Echerer versieht die eineinhalb Stunden lange Aufführung, die deprimierende existenzielle Ängste abhandelt, auch mit Witz. Der macht es erträglicher, zuzusehen, wie sich der Spalt in der Gesellschaft zwischen jenen, die alle und alles ausnutzen, und jenen, die verlässlich draufzahlen, vergrößert. Gearbeitet wird sowohl mit Pathos als auch mit Situationskomik. Der Abend hat bei all der Schwere des Themas Elan, die Musik ist unaufdringlich, doch stimmig (Imre Lichtenberger Bozoki). Gesetzt wird auf Bewegung und raschen Szenenwechsel. So kann das fünfköpfige Ensemble seine Stärken entfalten. Julia Urban und Florian Carove sind in Mehrfachrollen diverse „Gewinner“. Berechnende. Ob als egoistische Schwester, skurrile Lehrerin oder gelangweilte Gattin, als erbärmlicher Exmann, situationselastischer Spitalsdirektor oder skrupelloser Minister – es gelingt ihnen, Emotionen zu erzeugen. Sie setzen auch gekonnt das Karikieren dieser Charaktere ein.

Mitgefühl erweckt hingegen das Verlierertrio dieser Tragikomödie: Arens spielt mit Raffinesse die leidende, stets zur Anpassung an die Welt und zur Ausbeutung der Tochter bereite Oma. Leski wird zur authentischen Heranwachsenden, die zwischen der Sehnsucht nach Liebe in dieser Familie und dem Hang zur Erpressung schwankt. Sie unterliegt unreflektiert allerlei Konsumzwang. In solch einem Umfeld hat Erzsébet keine Chance. Lauter Verluste muss diese couragierte Mutter hinnehmen, die von Lichtenberger nuanciert als Kämpferin dargestellt wird. Man versteht am Ende nur zu gut, dass diese Frau einen radikalen Schnitt macht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2019)