Maria Stuart und die Rabauken

Maria Stuart (Saoirse Ronan) mit Kriegern, die treu aussehen, aber finstere Absichten haben.
Maria Stuart (Saoirse Ronan) mit Kriegern, die treu aussehen, aber finstere Absichten haben.(c) Universal Pictures

Kritik„Maria Stuart, Königin von Schottland“ von Josie Rourke ist eine Mischung aus Shakespeare und „Game of Thrones“. Saoirse Ronan bezaubert als querköpfige Monarchin.

Maria Stuart umgibt die Dämonie der gefährlichen Verführerin. War sie das wirklich oder mehr ein Faustpfand im Kampf skrupelloser Männer? Die Britin Josie Rourke, die in London das Donmar Warehouse Theatre leitet, zeigt als ihr Filmdebüt den rund zwei Stunden langen eindrucksvollen Historienfilm „Maria Stuart, Königin von Schottland“.

Maria, die in Frankreich aufwuchs und den Thronfolger heiratete – der bald starb –, kehrt heim nach Schottland. Sie findet ein von Clan- und Religionskriegen zerspaltenes Land vor – und eine Rivalin: Elizabeth I., ihre Cousine. Maria verliebt sich in den schönen Lord Darnley, der bisexuell, trunksüchtig und das Werkzeug seines Vaters ist. Auch Elizabeth, „The Virgin Queen“, hat einen jungen, attraktiven Lover, Robert Dudley, sie verweigert sich ihm. Sie erkrankt an Pocken, wird er bei ihr bleiben?

Solcherart sind die „gschmackigen“ Stories in diesem Film, in dem die zwei Frauen das Sagen haben: Saoirse Ronan ist eine berückende Maria Stuart, die ein bisschen ähnlich wie Prinzessin Diana alles haben will: Macht, Liebe und eine glückliche Familie samt Nachwuchs. Es ist schmerzlich zuzusehen, wie sie kaputtgemacht wird und Stück für Stück eine Illusion nach der anderen verliert. Elizabeth (Margot Robbie) wirkt vernünftiger und schlauer, sie spürt, dass sie sich am besten halten kann, wenn sie auf ihrem Podest bleibt, unnahbar, unerreichbar.

In der Konfrontation der hitzigen, selbstbewussten Mary und der listigen, entschlossenen, aber von Sehnsucht nach einem normalen Leben geplagten Elizabeth hat der Film seine große Stärke. Heute könnte Mary eine junge Herausforderin sein, Elizabeth die Chefin einer Firma, die ihre Rivalin nicht aufsteigen lässt, sie aber insgeheim in ihrem unbeirrten Vorwärtsstreben bewundert.

 

Was Friedrich Schiller wusste

Die Männer in diesem Machtspiel bleiben diffus, würde man so Frauen darstellen, würde man hart kritisiert: Lauter skrupellose Rabauken sind hier zu erleben, die Sex nur in Verbindung mit Gewalt und Vergewaltigung genießen können und selbst als Ratgeber nur berechnend und manipulativ sind. Dem Männerbild in alter Zeit mag das entsprechen, aus heutiger Sicht gesehen wirkt das schon wie eine krasse SchwarzWeiß-Malerei. Schiller war wohl selbst in Maria Stuart verliebt, seine Tragödie zieht den Leser (und Theaterbesucher) bis heute vom ersten Akt an mit sich, Corinna Kirchhoff war (in Andrea Breths Regie) eine wunderbare zornige Stuart in der Burg, mit Elisabeth Orth als eisgekühlter, schlauer Elisabeth. Schiller wusste, dass er die Männer den Frauen ebenbürtig gestalten musste, um die maximale Wirkung zu erzielen. Josie Rourke kümmert sich darum wenig, allerdings hat sie die fantastischen Bilder zur Verfügung, die Schlösser, die Landschaft, die Unberührtheit der Insel im 16. Jahrhundert.

Da können sich schon einmal Herden schottischer Hochlandrinder den Kriegern in den Weg schieben und sie auseinandertreiben. Der Hirte, von den Soldaten beschimpft, zuckt einfach mit den Schultern, wie soll er diese Riesenmenge riesiger Viecher (als freundlich, schön, robust werden sie beschrieben) von der Brücke scheuchen?

Rourkes Film schildert die Schotten à la Macbeth – wie wir sie uns immer vorgestellt haben: Unzivilisierte Raufbolde, nur dass die Engländer auch nicht besser sind. Schillers Trauerspiel muss man nicht lesen, um diesen Film zu verstehen, aber es schadet nicht, der Film endet faktisch dort, wo Schillers Stück anfängt. Doch wollte sich Rourke die Konfrontation der Königinnen (die in der Wirklichkeit nie stattgefunden hat) nicht entgehen lassen: So sehen wir die verbrauchte Elizabeth der immer noch ungebrochenen Mary gegenübertreten. Ein amerikanischer Kritiker fand, diese Story sei zu sehr zusammengepfercht worden und hätte eine Serie erfordert. Serien walzen ja manchmal aus, was gar nicht die Substanz für mehrere Staffeln hat. Hier aber ist es wahr, im Getümmel der Tragödien und Keilereien verliert man manchmal den Überblick, wer jetzt auf wessen Seite ist und wie er dorthin kam.

 

Eine kräftige Prise „House of Cards“

Diese Geschichte hat eben viele Facetten, darum kann sie immer wieder verarbeitet werden. Hier wirkte „House of Cards“-Showrunner Beau Willimon mit, das merkt man. Wer mehr von der sagenumwobenen Maria Stuart wissen will, findet jede Menge Bücher und Filme vor. Auf Netflix läuft derzeit die Serie „Reign“ über die Jahre der Stuart am französischen Hof: Die Australierin Adelaide Kane spielt sie, sie darf nicht so viel zielstrebige Herbheit zeigen wie die irischstämmige New Yorkerin Saoirse Ronan.

Maria Stuart, da kann man sie noch so feministisch durchstylen, bleibt eine Projektionsfläche, vor allem für Männer. Aber auch die Originale müssen bemerkenswert gewesen sein: Die echte Maria Stuart regierte immerhin 25 Jahre, die echte Elizabeth sogar 45 Jahre. Die These (im Film), dass Männer nichts anderes im Kopf haben, als Frauen Gewalt anzutun oder sie zu stürzen, scheint, so betrachtet, nicht haltbar. Alles in allem trotzdem sehenswert, diese Mischung aus Shakespeare (Seine Stücke hat Josie Rourke öfter inszeniert) und „Game of Thrones“.