Der Kampf einer Zwangsprostituierten

„Joy“ schildert ein komplexes System der Ausbeutung, ohne die Figuren zu verurteilen.
„Joy“ schildert ein komplexes System der Ausbeutung, ohne die Figuren zu verurteilen.Filmladen

Kritik Sudabeh Mortezais vielfach ausgezeichnetes Drama „Joy“ schildert eindringlich die prekäre Lebenssituation nigerianischer Sexarbeiterinnen in Wien. Jetzt im Kino.

„In diesem Spiel überleben nur die Stärksten“, sagt Joy. „Ich vertraue dir nicht, also vertrau mir auch nicht. Vertrau nur dir selbst.“ Sprüche wie aus einem Gangsterfilm, die trotzdem ernst gemeint sind. Sie richten sich an Precious, und Precious ist neu. Menschenhändler haben sie aus Nigeria nach Österreich gelockt. Wie viele andere steht sie tief in der Schuld einer Zuhälterin. Wer sich freikaufen will, muss auf den Strich, wo ein harter Konkurrenzkampf herrscht. Vielleicht erkennt sich Joy in Precious wieder. Unter anderen Umständen würde sie ihr helfen. Doch Joys Schulden sind fast abbezahlt – und Verantwortung bedeutet Risiko.

Das Ausbeutungssystem, das Sudabeh Mortezais „Joy“ schrittweise auffächert, lässt Solidarität kaum zu. Ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeiten und Ängsten hält nahezu jede Figur in ihrem individuellen Überlebenskampf gefangen. Was die Titelheldin (Joy Anwulika Alphonsus) auszeichnet, ist nicht ihre Stärke. Stark ist auch die Madame, die sich früher selbst prostituieren musste und nun andere schuften lässt. Joys Besonderheit ist ihr spürbarer Zweifel an den Gesetzen ihrer abgekapselten Welt.

Dass sie sich meist dennoch an selbige hält, wird von Mortezai nicht verurteilt. Die iranischstämmige Regisseurin, die seit 30 Jahren in Wien lebt und ihre Kinolaufbahn beim Dokumentarfilm begann, bleibt stets nah an der Perspektive der Protagonistin, um ihre prekäre Situation möglichst wertfrei nachvollziehbar zu machen. Gecastet wurde in nigerianischen Communitys in Wien. Viele der Laiendarstellerinnen haben persönlichen Bezug zur Parallelgesellschaft, in die „Joy“ Einblick gewährt. Mit seiner teilweise ungeschliffenen Ästhetik, der reportagehaften Struktur und etlichen improvisierten Momenten gemahnt der Film manchmal an Želimir Žilniks Doku-Drama „Das schönste Land der Welt“, das unlängst den Alltag von Flüchtlingen in Wien schilderte.

Die Tochter als Investition

Mortezais Film ist jedoch stärker dramatisch verdichtet. Konsequent katalogisiert er die Methoden, mit denen die Sexarbeiterinnen an der kurzen Leine gehalten werden. Die Madame gibt sich gern gönnerhaft: Als Joy Opfer einer Gruppenvergewaltigung wird, redet sie der Verstörten von der Bettkante gut zu. Doch hat eines der Mädchen nicht genug angeschafft, lässt sie es selbst von Handlangern niederzwingen. Physische Gewalt bleibt immerzu im Hintergrund, die Andeutungen sind schlimm genug.

Hinzu kommen Familien, die ihre Töchter in Europa vor allem als Investition betrachten. Und über allem wabert der drohende Schatten der Abschiebung. Als ein verliebter Freier ein Informationsgespräch bei einer NGO vermittelt, ist Joy skeptisch. Warum sollte sie für eine moderate Chance auf offizielles Bleiberecht alles aufs Spiel setzen?

Später mutmaßt sie, der Besuch habe ihr Unglück gebracht. Denn in Nigeria wurde sie von einem Juju-Priester zur Ergebenheit verpflichtet, die Anfangsszene zeigt das archaische Bindungsritual. Dass der Aberglaube in der Fremde weiterwirkt, wundert nicht. Joy scheint im unheimlichen Unbewussten Österreichs gelandet zu sein, auf der geisterhaft blaugrün getönten Postkartenkehrseite, die für gewöhnlich unsichtbar bleibt. Ein Bild markiert das überdeutlich, mit einem Alpenplakat in einer trostlosen Bushaltestelle. Später findet der Film eine gelungenere Metapher: In einem Wirtshaus wird Joy Zeugin eines Perchtenlaufs, der anmutet wie ein gruseliges Echo ihrer Heimatreligion.