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Jewgeni Jasin: "Russland ist das Bergwerk der Welt"

Jewgeni Jasin Russland Bergwerk
(c) Igor Gawrilow
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Russland stehe vor der größten Herausforderung seiner Geschichte, sagt der frühere Wirtschaftsminister Jewgeni Jasin im Gespräch mit der "Presse". Der herrschenden Führung traut er wenig zu.

Moskau. Jewgeni Jasin ist einer der einflussreichsten Wirtschaftsliberalen in Russland – und keiner, der sich von den Mächtigen den Mund verbieten lässt. Jasin war unter Präsident Boris Jelzin Wirtschaftsminister und prägte wie wenige den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft. Den heutigen Herrschern im Kreml steht der Wirtschaftsprofessor, der seine eigene Hochschule hat, skeptisch gegenüber. Russlands Wirtschaft ist nach einem Jahrzehnt des Höhenflugs in der Krise hart gelandet. Wie es um das Land steht, und ob es Chancen hat, wieder zu einem Hoffnungsträger für die Weltwirtschaft zu werden, erklärt er der „Presse“.

 

„Die Presse“: Herr Jasin, in dieser Woche startet der Bau der Ostseepipeline Nord Stream, die Erdgas aus Sibirien direkt nach Deutschland liefern soll. Ist das Milliardenprojekt nicht ein Symbol dafür, dass Russland weiter nur der Rohstofflieferant des Westens sein wird?

Jewgeni Jasin: Dass Russland große Gasvorräte hat, ist nichts Schlechtes. Bei uns fiel die Rohstoffabhängigkeit aber mit dem Sozialismus zusammen, der den natürlichen Anreiz zur Arbeit unterminiert. Ein Freund von mir beschreibt den Wirtschaftskreislauf bei uns so: Wir fördern Eisenerz, um Bagger zu bauen. Und wir bauen Bagger, um Eisenerz zu fördern.

 

Gibt es denn ein Entkommen aus dieser Schleife?

Jasin: Wir stehen am Scheideweg. Es ist kein Problem, zum Teil rohstoffabhängig zu bleiben. Aber der andere Teil muss auf Innovation gründen und die Hauptvorzüge der Russen nutzen: Wir sind erfindungsreich – auch wenn wir nicht allzu genau und sorgfältig sind.

Hat die Krise heilende Wirkung?

Jasin: In Russland ist die Blase, die von Petrodollars aufgebläht wurde, geplatzt. Das ist nicht tragisch. Wir werden uns nun langsamer entwickeln und langfristig drei bis vier Prozent Wachstum aufweisen.

 

Die Weltbank prognostiziert Russland heuer etwa fünf Prozent.

Jasin: Das ist zu hoch gegriffen. Denn ihr im Westen werdet nicht so viel Geld drucken, also wird die Nachfrage nach Öl nicht so hoch sein.

 

Fürchten Sie, dass China den einstigen Bric-Hoffnungsträger Russland an den Rand drängt?

Jasin: China drängt alle zurück. Auf der Welt geht eine tektonische Verschiebung vor sich, die damit verbunden ist, dass China und Indien, die im 16. Jahrhundert nicht ärmer als Europa waren, ihre Rückständigkeit überwinden. Grob gesagt entsteht folgendes Modell: Die USA sind das Labor der Welt, China ist die Weltfabrik, die Brasilianer sagen von sich, dass sie die Bauern seien. Russland ist mit den Rohstoffen das Bergwerk der Welt.

Die Führung des Landes redet indessen von Modernisierung, will ein russisches Silicon Valley gründen. Kann man Innovation verordnen?

Jasin: Das ist ein typisch sowjetischer Weg. Damals hatten wir mitten in Sibirien die Wissenschaftlerstadt Akademgorodok gebaut, heute bauen wir eben unser Hightech-Tal. Ohne politische Veränderungen findet aber Modernisierung nicht statt. Russland steht vor der größten Herausforderung in seiner Geschichte – größer als die Befreiung vom Kommunismus und der Planwirtschaft. Es geht darum, Institutionen zu schaffen, die Marktwirtschaft, politische Freiheit und den Rechtsstaat garantieren.

 

Hat die Krise der Elite einen so heftigen Schlag versetzt, dass sie nun von Veränderungen zu überzeugen ist?

Jasin: Es gibt da eine spannende Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Nikkolo M. Danach wollen zwei Drittel der Elite den demokratischen Weg. Nur zwei Gruppen – die Beamtenschaft und die sogenannten Siloviki (Vertreter der Sicherheits- und Geheimdienste, Anm.) – wollen den derzeitigen Weg beibehalten.

 

Zu welchen Reformen ist die russische Bevölkerung heute bereit?

Jasin: Russen haben die wunderbare Eigenschaft, dass sie zu keinerlei Veränderungen bereit sind. Ich bin ein Anhänger einer ruhigen, nicht ruckhaften Entwicklung.

 

An der Staatsspitze stehen Dmitri Medwedew, der als Möchtegern-Modernisierer gilt, und Premier Putin, der Bewahrer. Sehen Sie Unterschiede in ihrer Wirtschaftspolitik?

Jasin: Nein. Es gibt keine zwei Machtzentren. Zweifellos kontrolliert Putin die wichtigsten Machthebel. Auch wenn es Hoffnungen gab: Medwedew stellt bislang keine Alternative zu Putin dar.

Was muss sich konkret ändern?

Jasin: Die Elite hat es geschafft, eine vernünftige Finanzpolitik umzusetzen, nicht aber, Strukturen, die Veränderungen verhindern, aufzubrechen, weil das mit Risken für sie selbst verbunden wäre.

 

Sie meinen Machtverlust?

Jasin: Da hat die herrschende Elite eben erst die Kontrolle über die Wahlen gewonnen – und jetzt soll sie wieder freie Wahlen erlauben? Da hat sie das Urteil gegen den früheren Ölbaron Michail Chodorkowski bestellt. Und nun? Soll sie etwa die Meinungsfreiheit einführen, damit das ganze Land sieht, dass Putin doch nicht so gescheit ist, wie man ihn darstellt? Das ist doch ein gefährlicher Weg für sie.

zur Person

Jewgeni Jasin (75) gilt als graue Eminenz unter Russlands Ökonomen und seit Jahren als unerbittlicher Kritiker des bürokratiegesteuerten Staatskapitalismus. Von 1994 bis 1998 Wirtschaftsminister, übernahm Jasin danach die Leitung der Higher School of Economics in Moskau. Seit 2000 leitet er zudem die Forschungsstiftung Liberale Mission.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2010)