Blutbad in der freudianischen Kinderstube

„Elektra“(C) Reinhard Winkler

Linz wird Strauss' „Elektra“ szenisch und musikalisch gerecht, tut es aber im unpassenden Bühnenambiente.

„Ohren auf, Augen zu“ nützt diesmal nichts. Im Fall der neuen Linzer „Elektra“ ist es lediglich das Bühnenbild (Dirk Becker), nicht aber die Regie, die den positiven Gesamteindruck arg in Mitleidenschaft zieht. Michael Schulz beherrscht nämlich offenbar die Kunst der Personenführung, kann ein Stück spannend erzählen und tut es (auch dank Renée Listerdals tauglicher Kostüme) sogar über weite Strecken in völliger Übereinstimmung mit Hofmannsthals Text und, noch wichtiger, mit Strauss' Musik.

Ein paar Korrekturen, etwa die Umwandlung der wild bewegten Disco-Szene beim Auftritt der Klytämnestra in einen (tatsächlich von Gnaden der Komposition) ebenso wild bewegten Zug zu einem Schlachtopfer, und wir wären mitten in einer adäquaten Umsetzung der Atriden-Tragödie. Stattdessen sieht man in Linz freilich eine hilflose Anverwandlung freudianischer Psychopathologie und im Finale eine orgiastische Mordserie im Kinderzimmer.

Und doch: Wer imstande ist, sich auch angesichts solcher Bildüberfrachtungen aufs Wesentliche zu konzentrieren, erlebt die geschwisterlichen Dialoge dieses Werks und vor allem die zentrale Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter aufregend und geradezu filmgerecht detailverliebt umgesetzt – und er hört die von Markus Poschner ganz im Sinn des Komponisten zügig vorangetriebene, wenn auch orchestral vielleicht nicht ganz so detailliert ausgeleuchtete Musik.

Wobei sich das Brucknerorchester sängerfreundlich zurückhält, um die mehrheitlich faszinierend wortdeutlich agierenden Protagonisten nie zuzudecken. Schon die exzellent besetzten Mägde zu Beginn lassen – wie auch der markante Ägisth von Matthäus Schmidlechner zuletzt – hören, wie präzise man im Vorfeld gearbeitet hat. Die rhythmische Akkuratesse ist staunenerregend. Die Sicherheit der Spitzentöne, mit der Miina-Liisa Väreläs Elektras emotionale Höhepunkte markiert, ist es nicht minder. In der Erkennungsszene umschmeichelt sie nicht den sonoren Orest Michael Wagners, sondern ihre Stofftiere, dafür hat sie zuvor die kraftvolle, ebenso höhensichere Chrysothemis (Brigitte Geller) und die elegante, virtuos agierende und singende Mutter (Katherine Lerner) mit höchster Aggressivität behandelt.

Trotz der Optik beachtlich. (sin)