Ein 66-jähriger Altpolitiker darf die jungen, urbanen Wiener Grünen retten.
Die Wiener Grünen verfolgen im angelaufenen Wahlkampf eine bewährte Strategie, die Alexander Van der Bellen in seiner Zeit als Bundessprecher perfektioniert hat: Nur nicht zu viel bewegen, dann steigen die Umfragewerte automatisch. Auf die anderen Parteien ist immer Verlass.
Zur Perfektionierung der Taktik im Jahr der Wien-Wahl bleibt es dem Ex-Bundessprecher nicht erspart, trotz seines Alters von 66 Jahren sogar noch einmal persönlich ausrücken zu müssen. Immerhin drohen die Wiener Grünen im Zweikampf von SPÖ und FPÖ zerrieben zu werden. Und die einzige inhaltliche Ansage der Grünen für die Wien-Wahl lautet derzeit: Wird Van der Bellen als Gegner von Ursula Stenzel im Kampf um die Vorherrschaft im ersten Bezirk antreten? Oder woanders? Oder wird Van der Bellen im Falle einer grünen Regierungsbeteiligung (falls die Wiener SP ihre absolute Mehrheit verliert) Stadtrat? Damit liefern die Grünen zwar keinen substanziellen Inhalt, dafür die bezaubernde Vision: Der Wirtschaftsforscher schafft es endlich in eine Regierung – wenn schon nicht im Bund, dann zumindest in Wien.
Zugegeben: Die Grünen hatten es auch schon mal leichter. Die SPÖ hat mit ihrer Pseudo-Volksbefragung nicht nur das grüne Wahlkampf-Thema City-Maut entsorgt. Die SPÖ forciert derzeit ein Thema ihrer Volksbefragung nach dem anderen, womit andere Parteien kaum eine Chance haben, mit ihren Themen durchzukommen. Überraschenderweise gibt es trotzdem zarte Versuche, mit grüner Sachpolitik im Wahljahr zu punkten. Nur: Die Kritik an der Erhöhung der Mieten in der Bundeshauptstadt, die sich die Grünen als Wahlkampfthema verordnet haben, ging ein wenig unter. Ebenso die negative Feinstaubbilanz. Warum die Grünen damit ausgerechnet zu einem Zeitpunkt punkten wollten, zu dem der Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen jedes Thema überlagerte, bleibt das Geheimnis der grünen Strategen.
Nun versuchen die Grünen, spät aber doch, ihr Timing zu verbessern und forcieren, eben in Anspielung auf die aktuellen Missbrauchsfälle in der Kirche, das Thema Kinderrechte. In der nächsten Gemeinderatssitzung werden die Grünen beantragen, die Missbrauchsprävention in den Wiener Schulen massiv auszubauen: mit neuen Beratungseinrichtungen und mehr Sozialarbeitern an den Schulen – womit die Grünen erstmals ein richtiges Thema hätten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2010)