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Staatsoper: Mimì ist Annas beste Partie

(c) APA (Wiener Staatsoper GmbH / Bar (Wiener Staatsoper GmbH)
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Musikalischer Glanz in der tristen Mansarde: Netrebko in „La Bohème“. Der junge griechische Dirigent Constantinos Carydis hatte mit Sorgfalt die musikalische Basis für die Leistungen der beiden Stars gelegt.

Lange hat es gedauert – aber das Warten hat sich gelohnt: Wenn es für Anna Netrebko denn so etwas wie eine „beste“ Partie geben sollte, nach welchen Kriterien das auch immer zu ermitteln wäre, so würde ich spätestens nach ihrem jüngsten Auftritt in der Staatsoper die Mimì in Puccinis „La Bohème“ nennen – selbst wenn ihre nachgedunkelte Stimmfarbe für manche Ohren nicht mehr mädchenhaft genug erscheinen könnte.

Was in Gestalt von Robert Dornhelms geradezu altmodisch pompöser Filmversion sowohl langjährige Opernfreunde als auch schlichte Netrebko-Fans längst auf der Kinoleinwand oder im Fernsehen bewundert haben, war erstmals hierzulande live zu erleben – und brauchte keine Vergleiche zu scheuen. Ihr mittlerweile füllig-runder, aber dennoch nicht schwerfällig gewordener Sopran kann mit der gleichen Emphase Puccinis Kantilenen üppig erblühen lassen, wie er im nächsten Moment zu zarter Intimität fähig ist – und verbindet sich zwanglos mit ihrer unprätentiös-natürlichen Darstellung, die sie etwa von vokal nicht minder opulenten „Diven“ unterscheidet (Angela Gheorghius sonderbar egozentrische Mimì-Betulichkeit ist noch in lebhafter Erinnerung). Nie spielt Netrebko sich in den Vordergrund, sie zeigt die Lebenslust der schwindsüchtigen Näherin durch Schüchternheit und Bescheidenheit verdeckt – und stirbt gewissermaßen auch in ähnlich zurückhaltender Manier.

Die herzzerreißende Leidenschaft, mit der Piotr Beczala als Rodolfo auf ihr Ende reagiert, streift nie ans Plakative an: Längst ist dieser souveräne Sänger in die Fußstapfen Rolando Villazóns als „Traumpartner“ der Netrebko getreten, hat den labil gewordenen mexikanischen Kollegen 2009 an der Metropolitan Opera kurzfristig als Edgardo neben ihrer Lucia ersetzt und ist dort auch vor wenigen Wochen mit Netrebko in „La Bohème“ aufgetreten. Er porträtiert den Dichter fern aller tenoralen Unarten mit edlem Klang und eleganter Phrasierung, kann obendrein sowohl ein gerüttelt Maß an jugendlichem Übermut als auch sympathische Verliebtheit glaubhaft machen – und wurde dafür nicht minder gefeiert als die Russin.

Der Abend war szenisch liebevoll aufbereitet, auch im Chor- und Statistentrubel rund um das Café Momus; der junge griechische Dirigent Constantinos Carydis hatte mit Sorgfalt die musikalische Basis für die Leistungen der beiden Stars gelegt: Am Pult des in Feiertagslaune musizierenden Staatsopernorchesters realisierte er eine fürs Repertoire überaus persönliche Lesart. Mag sein, dass da manches noch etwas steif tönte oder in epischer Breite zerfloss. Doch ähnlich auf einen Atem eingeschworene Bögen, pfiffige Bläsersoli, saubere Bratscheneinwürfe und fein austarierte Klänge, etwa in der fast sakral anmutenden Akkordfolge mitten im Schlussduett des ersten Bildes, hört man sonst selten. Schon des Öfteren am Werk waren dagegen die meisten Sänger der übrigen, nicht allzu glanzvoll besetzten Partien: Die Rumänin Anita Hartig gab immerhin eine ganz passable, fesche Musetta, sowohl Boaz Daniel (Marcello) als auch Eijiro Kai (Schaunard) haben schon bessere Abende geboten, Janusz Monarcha als Colline blieb ganz blass.

 

Ab 19.April in „I Puritani“

Das zuletzt ausdauernd jubelnde Publikum hustete indessen so ausgiebig, dass es für zwei Dutzend Mimìs gereicht hätte. Hoffentlich bleiben die Kranken bei den kommenden Netrebko-Abenden daheim: Nach einer weiteren „Bohème“ am Donnerstag folgen in den nächsten Wochen noch dreimal „I Puritani“ (mit Bros, 19.4., 22.4., 25.4.) sowie im Mai „Carmen“ (unter Jansons mit Garanca, d'Arcangelo und Giordano statt Villazón) und „Manon“ (mit Alagna).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2010)

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