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Ein Film übers Impfen – mit Nebenwirkungen

Regisseur David Sieveking, Filmkomponistin Jessica de Rooij und ihre gemeinsame Tochter, Zarija, spielen sich selbst – in „Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkungen“. Ab 25. Jänner im Kino.
Regisseur David Sieveking, Filmkomponistin Jessica de Rooij und ihre gemeinsame Tochter, Zarija, spielen sich selbst – in „Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkungen“. Ab 25. Jänner im Kino.(c) Docs Filmverleih

Wie kann es sein, dass gerade in reichen Ländern derzeit „Impfmüdigkeit“ grassiert? Der deutsche Film „Eingeimpft“ führt es vor: Er stellt Befürworter wie Gegner des Impfens als gleichermaßen vernünftig dar.

Vor der „choice of cancer or polio“, der Wahl zwischen Krebs und Kinderlähmung, stehe die britische Arbeiterschaft, sang Mick Jagger 1968 bitter in „Salt of the Earth“. Das kann er heute nicht mehr singen: Während der so oft propagierte Kampf gegen den Krebs bisher nur Teilsiege gebracht hat, ist die Kinderlähmung so gut wie ausgerottet, die (ebenfalls durch ein Virus hervorgerufenen) Pocken sind definitiv besiegt, Tetanus ist selten geworden.

Die Bekämpfung von Infektionskrankheiten ist eine große Erfolgsgeschichte der Medizin, möglich wurde sie durch konsequente Impfung der Bevölkerung. (Und, bei bakteriellen Infektionen, durch Antibiotika.) Wenn die Weltgesundheitsorganisation WHO klagt, dass mangelnde Impfbereitschaft zu den derzeit größten Gesundheitsrisken der Welt gehöre, ist das ernst zu nehmen. Bedenklicherweise breitet sich „Impfmüdigkeit“ gerade in industrialisierten Ländern aus, und gerade in Schichten, in denen man eine gewisse – auch naturwissenschaftliche – Bildung annehmen könnte.

 

Bauchgefühl in Berlin-Kreuzberg

Dass es damit nicht so gut bestellt ist, zeigt der Dokumentarfilm von David Sieveking, und darum ist er einer ausführlichen Beschäftigung wert. Aus filmischen Gründen ist er es nicht: „Eingeimpft“ zeigt zwar hübsche Bilder aus der liebenswert biederen Bourgeois-Bohémien-Szene von Berlin-Kreuzberg, nervt aber unter anderem durch betuliche Kameraführung und dick aufgetragene, meist zu laute Filmmusik. Deren Komponistin, Jessica de Rooij, spielt sich selbst, eine junge Mutter, die ihre Kinder partout nicht impfen lassen will. Die Begründung bringt sie gleich am Anfang auf den Punkt: „Mein Bauchgefühl sagt: Ich soll's nicht machen.“

Dieses Bauchgefühl sagt ihr, dass sie einem „kerngesunden Kind“ nicht „irgendwelche Chemie antun“ will, weil sie es „lieber natürlich“ hat. „Ich will, dass das Kind metallfrei bleibt!“, ruft sie und weint. Später konstatiert sie, dass die Kinder im Kindergarten trotz Impfungen „dauernd krank“ sind: „Ist unsere Tochter nicht gerade deshalb so gesund, weil wir sie nie geimpft haben?“

Der Vater des metallfreien Kindes, Regisseur David Sieveking selbst, sieht das etwas anders und beschließt, die Sache zu recherchieren. Er besucht dazu die deutsche Impfkommission genauso wie Impfgegner, praktische Ärzte, die die empfohlenen Impfungen geduldig erklären, genauso wie Anthroposophen, die Verständnis für den „gesunden Instinkt“ der Mutter zeigen.

Das klingt sympathisch fair und ausgewogen, und genau das ist das Gefährliche an diesem Film. Er impliziert, dass Menschen, die glauben, dass Asthma, Diabetes, MS und Krebs durch Impfungen ausgelöst werden können, genauso ernst zu nehmen seien wie Menschen, die solche „Vermutungen“ zurückweisen. Das ist pseudoobjektiv, vergleichbar mit einer Dokumentation, in der Anhänger und Gegner der Evolutionstheorie gleichermaßen zu Wort kommen. Oder in der die Meinung, dass wir alle mit Chemtrails manipuliert würden, also genauso diskutable Haltung dargestellt wird wie die Überzeugung, dass das eine paranoide Verschwörungstheorie sei.

„Zum Glück wohnen wir mit unserer impfkritischen Haltung im alternativen Kreuzberg“, sagt der Vater und Regisseur einmal, und die Mutter fragt: „Machen wir das Beste für alle anderen oder das Beste fürs eigene Kind?“

 

Gelassenheit in Westafrika

Als aufgrund eines Masernalarms – im Film als „Hysterie“ abgekanzelt – ein Baby nicht auf eine Party darf, weil dort ungeimpfte Kinder sind, wird zumindest der Vater hellhörig – und scheint zu begreifen, dass es sinnlos egoistisch ist, sein Kind vor angeblich möglichen Impfschäden zu bewahren und dafür in Kauf zu nehmen, dass überwunden geglaubte Epidemien wieder aufflammen. Bei einem Besuch in Westafrika konstatiert er: „Die Gelassenheit beim Impfen ist beneidenswert. Keine Spur von quälenden Elterndebatten.“ Mit seinem Film will er freilich fördern, so Sieveking, dass jeder „sich verantwortungsbewusst mit dem Thema auseinandersetzt und für sich letztendlich eine individuelle Entscheidung trifft“. Als ob jeder dafür die Zeit hätte! Dazu kommt, dass Impfgegner stets sehr auskunftsbereit sind, während die Vertreter von „Pharmariesen“ ihnen oft den Gefallen machen, arrogant und/oder geheimniskrämerisch zu wirken.

Achtung Spoiler: Ein im Gebüsch zugezogener Kratzer provoziert schließlich jähe Angst vor Tetanus – und bringt die Entscheidung, die Kinder doch, wenn auch recht spät impfen zu lassen. Nicht mit allen empfohlenen Impfstoffen freilich, und mit zusätzlichen Vorsichtsmaßnahmen, etwa dreimonatiger Einnahme von „siliziumhaltigem Mineralwasser“ gegen das Aluminium in Impfstoffen. Da darf man wirklich gefahrlos sagen: Wenn's nix nutzt, so schad't's nix.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2019)