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„Free Money“: Der aktualisierte Groove der Siebzigerjahre

The Jack Moves: „Free Money“
The Jack Moves: „Free Money“(c) Everloving Records
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KritikGewiss, The Jack Moves aus Newark sind retro, sie stöbern im Archiv des Soul. Aber sie tun es mit großer Originalität und viel Lust an Ambivalenzen. Manchmal auch mit Selbstironie.

Eine zögerliche Hammondorgel, ein paar Klaviertupfer und ein verschlafener Beat leiten in „Iceman“, dem ersten Song von „Free Money“, dem zweiten Album des aus Newark stammenden Duos The Jack Moves. Mit subtilen Mitteln wird der Hörer aus der Gegenwart abgezogen. Die Gesangsmelodie klingt wie direkt aus den Siebzigern, der goldenen Backhendlzeit des Soul. Aber Sänger/Gitarrist Zee Desmondes und Schlagzeuger Teddy Powell machen keine simple Retromusik. Eingetaucht ins Lebensgefühl der Siebziger, interpretieren sie es aus heutiger Perspektive. Mit einiger Selbstironie, etwa wenn Desmondes mit sanftester Stimme singt: „Like a magician I knew all the tricks, I wanted to be famous but I'm just a piece of shit.“

Die Jack Moves verbinden Sweet Soul und Sozialkritik, klingen wie das arithmetische Mittel aus den Delfonics und Curtis Mayfield, mit schwelgerischem Falsettgesang, muskulösen Bläsereinschüben, üppigen Wah-Wah-Effekten. Es sind vor allem Duktus und Hitze der Melodien, die diese Musik so radikal abheben von dem, was derzeit unter R&B und Soul rubriziert wird. Ihre Ausnahmestellung hat auch der bekannte Bluesgitarrist Ben Harper entdeckt, der auf einigen Songs im Background mitsingt.

„Penn Station“, der einzige rauere Song, klingt wie der Soundtrack eines Blaxploitation-Films. Er reflektiert das Düstere dieses abgeschundenen New Yorker Bahnhofs, in dem die Zeit auf rätselhafte Weise stillsteht. Erheiternd ist das Wortspiel in „Looking for an Ice Girl“: Das umworbene Girl ist eben nett und cool zugleich. Um das Gespenst der Liebe geht es auch im hypnotischen „You're Gonna Miss Me“. In Endlosschleifen singt er dies und hängt ein „wait and see“ an. Des Sängers Frühlingsgefühle lassen die Musik am Ende in Zirpen und Zwitschern verklingen. Auch im glühenden „Nasty“ verbinden sich Sublimes und Animalisches. Ungeachtet ihrer seidigen Texturen locken sie nie in eine falsche heile Welt. „It isn't love, we only fuck, and that's okay“, heißt es gar in „Red Lights“, einem Lied, das vom „dirty glamour“ des Rotlichtmilieus schwärmt. Liebe darf hier durchaus Flecken erzeugen. Das erinnert in der Anmutung an die erotischen Lieder von Prince, der trotz aller Anlassigkeit Frauen nie zum Objekt degradiert hat. Das tun auch die Jack Moves nicht.

Es sind die Ambivalenzen, die diese Musik so attraktiv machen. Allein dass die Jack Moves die Idee des Vintage mit den Mitteln hochmoderner Produktion zelebrieren, sollte einen für sie einnehmen. Dabei geraten sie nie ins Gewirr der Klischees. Ihr Zugang zur reichen Tradition des Funk und des Soul ist konsequent originell. Auch, weil bei ihrem Durchforsten der Schall- und Soundarchive nicht Strategie, sondern Serendipität waltete. Manch zufällig Aufgestöbertes fand perfekte Einpassung. Ein Meisterwerk!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2019)