Schönes neues Möbeljahr: Die Kölner Möbel-Messe

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Die Möbelmesse IMM Cologne setzte die ersten Gesten und Zeichen für das kommende Möbeljahr.

Jeder hat so seine Geschichte. Und wie in der Weltliteratur, wo eine Handvoll narrative Fäden immer wieder neu gesponnen wird, ist es auch im Design. Da kann jeder Hersteller seine eigene Bauhaus-Geschichte erzählen, wenn er will. Vor allem im 100.  Jubiläumsjahr der legendären Schule für Gestaltung. Das Gute daran: Die Möbelhersteller sparen sich die große inhaltliche Verrenkung. Es genügt, dass sie sich verneigen, vor dem Bauhaus und seiner Bedeutung für so vieles, was danach Gestalt auf der Welt angenommen hat. Die IMM Cologne in Köln ist dafür die erste Bühne im Jahr, auf der die Möbel nach Aufmerksamkeit heischen. Hier beginnt das Möbeljahr, wenn der Karneval schon zwei Monate lang tobt. Konfettiregen im Dauerregen. Das hat in Köln Tradition wie der Messe-Gestus: Die Hersteller kommen auf den Punkt und überlassen die Ausschweifungen denen mit den roten Nasen, grünen Haaren und Kölsch-Gläsern in der Hand.

Verzweigte Tradition. Wir sind doch alle Bauhaus. Irgendwie. Das deuten die deutschen Hersteller dann schon konsequent an in ihren Präsentationen. Und auch die deutschen Nachwuchs- oder Eh-schon-Star-Designer, die sich für so manche klassische Kollektionen mit der deutschen Gestaltungsmentalität befasst haben. Für den Hersteller Walter Knoll kam der maßgebliche Input jedoch wieder aus Österreich, vom Designstudio EOOS, das die Bauhaus-Verneigung choreografierte: in Form eines Sideboards, das – natürlich – als Hommage angelegt war. In diesem Fall an Ludwig Mies van der Rohe, den dritten Bauhaus-Direktor, und speziell an sein Farnsworth House, so der konstruierte Zusammenhang. Dabei hat die Moderne samt seiner Protagonisten Stuttgart, dort in der Nähe hat Walter Knoll seinen Sitz, ohnehin mehr als nur tangiert. Die legendäre Weißenhofsiedlung entstand dort im Auftrag des Deutschen Werkbunds und unter der Leitung von Mies van der Rohe. Walter Knoll hatte damals fünf Wohnungen von ihm ausgestattet. Und von dort führt schon die nächste Abzweigung schnurstracks zum Hersteller Knoll und wieder zurück in die Messehallen des Jahres 2019. Denn Mies van der Rohe hatte für jene Werkbund-Ausstellung im Jahr 1927 auch die „MR Lounge"-Sessel entworfen. Und der Sohn von Walter Knoll, Hans Knoll, hatte, als er in die USA emigrierte, seine guten Bauhaus-Kontakte im Gepäck. Zum 100. Bauhaus-Jubiläum legt nun der amerikanische Hersteller Knoll eine neue Edition der „MR Lounge"-Kolletion auf. Erkennbar an neuen Chromvarianten, aber auch an der Signatur „Bauhaus 100th Anniversary"; zum ersten Mal überhaupt stellte Knoll auf der IMM Cologne aus.

Doch Stahlrohr, das führt unweigerlich auch zu einer anderen Verästelung der Bauhaus-Story, zu Thonet. Trifft sich schön, dass Thonet in diesem Jahr doppelt so alt wird wie das Bauhaus. Deshalb ließ man den Messestand vom Hamburger Designstudio Besau Marguerre auch extrafein herausputzen.

Da die ersten Jahre der Firmengeschichte auch eng mit dem Kaffeehaus verbunden waren, richteten die Designer der Marke das „Café Thonet" ein, gestalterisch abgeschmeckt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wie auch zwischen Bugholz und Strahlrohr. Und gerade das biegt sich in Bauhaus-Tradition bis heute ebenso unter der Marke Thonet. Auch, wie diesmal, in aktuellen Interpretationen. Besau Marguerre nutzen dafür elegant den limitierten Spielraum, indem sie den berühmten Stahlrohr-Freischwinger „S 533 F" von Ludwig Mies van der Rohe farblich neu einordnen.

Auch der Hersteller Richard Lampert lieferte Hommagen ab, diesmal war der Designer und Architekt Herbert Hirch dran, ein Bauhaus-Schüler, mit einem Entwurf aus dem Jahr 1975, dem Sessel „350", der aber, wie es Möbelmenschen gern formulieren, noch immer „atmet": den Bauhaus-Geist nämlich.

Nachfahren und Vorläufer. In Jahren wie diesem geraten Möbel-Hersteller natürlich umso mehr zu Kulturbeauftragten. Da geht’s ums Schätze-Bewahren. Aber auch darum, sie zu heben. Aus den Archiven. Darauf hat sich ja schon seit Jahren der ­Hersteller Tecta spezialisiert. Und sich dabei rühmt, der Produzent mit den meisten Bauhaus-lizensierten Produkten zu sein. Sogar die Wiege von Peter Keler hat Tecta wiederentdeckt und neu aufgelegt. Diesmal schickte Tecta unter anderem einen Entwurf von Gerrit Rietveld auf die Bühne, eine Tischleuchte aus dem Jahr 1925.

Aber natürlich sind es nicht nur Wellen aus der Vergangenheit, die da branden in den Messehallen. Auch die Möbelzukunft lässt sich anhand von ein paar Vorläufern ahnen. Sogar die Outdoor-Saison öffnet im Kölner Dauerregen ihre ersten Türchen, da sieht man auch, was B&B Italia nach Entwürfen von Antonio Citterio in den Garten schickt. Oder auch Dedon, ebenfalls ein Hersteller, der zum ersten Mal in Köln mit seiner Kollektion Platz genommen hat. Die italienischen Hersteller werfen traditionell nur etwas kleinere Häppchen aus, um per Vorgeschmack nicht den Hauptgang zu verderben, der da kommt im April auf dem Salone de Mobile in Mailand. Wie auch die skandinavischen Hersteller sich durch den Rhythmus der Neuheiten lavieren, denn da kommt im Norden noch die Stockholmer Möbelmesse dazwischen. Und der will man ja auch nicht jede Überraschung vorwegnehmen.

Die Möbelfirmen haben sich jedenfalls, abgesehen vom Bauhaus-Geburtstag, auf ihren liebsten Terrains eingerichtet: in der Erkenntnis, das auch haptische Gegensätze ein zartes „Match" ergeben können. Dass Möbel am meisten nutzen, wenn sie vielen Situationen und Menschen nutzen. Dass es manchmal eleganter ist, Konventionen zu biegen statt zu brechen. Und dass, wenn die Gegenwart inspirativ auslässt, in der Vergangenheit noch genügend Potenzial liegt.