Live aus Davos: "Ich wünsche mir den Krieg zurück. Denn da berichten die Leute über uns."

APA/AFP/FABRICE COFFRINI

Davos-Tagebuch. Der Wiener Francis Rafal ist einer von 50 Menschen unter 30 Jahren, die beim World Economic Forum die Stimme der Jungen vertreten sollen. Donnerstag - Tag 4.

Donnerstag, 24. 1. 2019

09.10 Uhr: Ein geheimer Tunnel. Der Mann vor mir klopft an der schwach beleuchteten Tür an. Zuerst öffnet sich die Luke, dann die Tür. „Los, bewegt euch. Schnell! Alle hier durch!“ Ich laufe mit zwanzig Anderen in eine dämmrige Zelle. „Die Rebellen sind draußen. Hinunter, auf den Boden. Der Platz hier ist nicht mehr sicher. Ihr müsst nach Westen, dort ist das nächste Lager.“ Der Strom fällt aus. Unser Raum wird gestürmt und zehn Menschen neben mir werden mit Maschinengewehren erschossen.

09.12 Uhr: Ich renne um mein Leben. An einem Grenzpunkt schreit mich ein Soldat an: „Ausweiskontrolle! Wie heißt du? Wie heißt du?“ Ich sage Jideep Baghet - so war ungefähr der Name, den ich auf meinem Ausweis vorher gelesen habe. Der Soldat lässt mich durch und drei weitere schreien mich an. „Kniet euch hin und füllt das Formular aus!“ Ich schaue auf das Papier. Ich verstehe kein Wort. Während der nächsten 40 Minuten im Flüchtlingslager erlebe ich im Zeitraffer eine Vergewaltigung, einen Mord, meine Zeltkollegen tauschen ihr ganzes Hab und Gut gegen Telefonate mit ihren Verwandten und ein Soldat schlägt mir ins Gesicht, weil ich meine tägliche Brotration zu langsam esse.

09.50 Uhr: „Flüchtlinge, die Simulation ist vorbei!” Licht geht an. Wir sind im Untergeschoß des Hotel Hilton Garden Inn bei der Simulation „A day in the life of a refugee“ der Crossroads Foundation. Die Soldaten ziehen ihre Kostüme aus und bilden einen Sesselkreis. Neben mir weint eine Frau. Die Erlebnisse waren zu viel für sie. „14“, sagt der Camp-Leiter. „Das was ihr gerade erlebt habt, ist 14 Prozent dessen, was Millionen von Menschen jeden Tag in Flüchtlingslager durchleben, die nicht von der UNHCR geleitet werden.“ Wir reflektieren. Machtlosigkeit, Verzweiflung, Verwirrung, Stress. Wir hören Geschichten der Schauspieler, die im echten Leben humanitäre Arbeiter sind. David Livingstone war Kindersoldat in Uganda, jetzt im Bereich Bildung im ländlichen Bereich tätig. Zak Ebrahim ist Autor des Buchs „A Terrorist’s Son: A Story of Choice“. Alexandra Chen ist Kindertraumaspezialistin, tätig im mittleren Osten und Afrika. 

10.20 Uhr: „Ich wünsche mir den Krieg zurück. Denn da berichten die Leute über uns. Als der Krieg vorbei war, hat uns die Welt vergessen“, zitiert der Camp-Leiter ein Flüchtlingskind. „Bevor ihr wieder zurück ins Kongresszentrum geht, überlegt für euch selbst: Was ist dein Job? Wen kennst du? Was kannst du persönlich für geflüchtete Menschen tun?“ Mein ägyptischer Shaper-Kollege Mostafa Amin und ich schauen uns an. Wir müssen das ganze erst verarbeiten. Dann denke ich, wenn über Geflüchtete nicht berichtet wird, dann müssen sie wohl selbst über sich berichten. Ich frage Livingstone, ob unsere Smartphone-Video-Trainings nützlich wären. Er ist interessiert, viele Flüchtlinge haben aber nur kameralose Handys und schlechten Internetzugang. Genug Information für mich, um meine Idee weiterzuspinnen.

10.47 Uhr: Community Lounge, Kongresszentrum. Ich schreibe auf TopLink die CEOs aller großen Handyhersteller an und frage, ob sie Geräte zur Verfügung stellen können. Sudarshan Mahajan von den Global Shapers Pune hilft mir, die Nachrichten richtig zu formulieren. Später bitte ich den WEF-Ko-Vorsitzenden Mohamed Hassan Mohamud um Feedback zu meiner Idee. Wir brainstormen kurz und machen eine Liste, was wir alles bräuchten: Stromzugang im Flüchtlingslager, Räumlichkeiten, Bildschirme, Handys, Software und Trainer. Wir könnten tatsächlich einen eigenen Nachrichtensender im Lager aufbauen.

12.16 Uhr: Aspen 2, Kongresszentrum. Sebastian Kurz betritt die Bühne und redet über ein neues europäisches Selbstbewusstsein. Er erzählt, dass wir im Bereich der Migration 95 Prozent weniger Ankünfte haben und die Zusammenarbeit mit nordafrikanischen Staaten intensivieren sollen. Ich wünschte, er würde sich Zeit nehmen, um ebenfalls an der Simulation teilzunehmen. 

Kurz hält ein Plädoyer für Rechtsstaatlichkeit. ARD-Moderator Markus Preiß fragt, was Kurz über Innenminister Herbert Kickls Aussage zu Politik und Recht denkt. Kurz antwortet, er habe mit dem Minister telefoniert und ihm seine Meinung gesagt.

14.11 Uhr: Zurück in der Community Lounge. Meine südamerikanischen Shaper-Kollegen reden über die Ereignisse in Venezuela. Sie erklären mir in Stichworten, was passiert ist. Der paraguayische Präsident sagte vor zwei Tagen in Davos, dass er den venezolanischen Oppositionsführer Juan Guaidó statt Nicolas Maduro als Präsidenten anerkennen würde, sollte sich dieser zur Verfügung stellen. Gestern erklärte sich Guaidó schließlich zum Interimspräsident und bekam prompt Unterstützung von weiteren lateinamerikanischen Präsidenten, die hier in Davos sind und Donald Trump. Hoffnung macht sich bei den venezolanischen Kollegen auf.

15.12 Uhr: Debbie Storhard von der International Federation for Human Rights setzt sich an meinen Tisch. Wir reden weiter über Venezuela. Sie meint, Davos habe zwei Seiten. Die eine seien die dreißigminütigen Reden, bei der Staatschefs sagen, alles sei gut. Die andere seien die privaten Treffen wichtiger Akteure, bei der tatsächlich konstruktiv nach Lösungen gesucht werde. 

17.10 Uhr: Ich lese auf orf.at, dass Russland, die Türkei und einige andere Staaten Maduro weiterhin öffentlich unterstützen. Puh, denke ich mir. Was da wohl rauskommen wird.


 

Francis Rafal (26) ist Co-Founder und CEO der drei Filmunternehmen Content Creation School, Ninjawerk und Rafal Studios und derzeit Curator der Global Shapers Vienna. Er wurde dieses Jahr als einer von 50 Menschen unter 30 ausgewählt, junge Stimmen beim jährlichen Treffen des World Economic Forum in Davos zu vertreten. Ziel der Global Shapers Vienna ist es, Filterblasen platzen zu lassen. Mit dem Projekt AndereMeinung.at verbinden sie Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, um die politische Polarisierung der Gesellschaft zu reduzieren.