Miteinander zu musizieren erfordert vorhersagbares Handeln, sonst gelingt keine Harmonie – kreative Interpretation ist aber immer spontan. Wie gelingt sie Künstlern dennoch?
Mozart, Duo für Geige und Bratsche No. 1, erster Satz. Die Tempoangabe gibt Allegro vor, in schnellen Sechzehntel wechselt die für den Komponisten typische, unbeschwerte Melodie zwischen den beiden Streichern hin und her. Man nähert sich dem ersten Doppelstrich, zwei Punkte signalisieren: Der erste Teil wird wiederholt. Ein kurzer Blick, gemeinsam atmen, mit dem Bogen ausholen – und noch einmal von vorn.
Hightech im Duett
Jeder, der einmal mit anderen musiziert hat, weiß: Die Noten geben zwar präzise Handlungsanweisungen, aber ohne den anderen zu sehen, sich mit ihm zu bewegen und einander beim Spielen buchstäblich zu spüren, gelingt einem keine schöne Interpretation. Kreativ und originell zu musizieren bedeutet aber auch immer, ein gewisses Maß an Spontaneität zuzulassen – was im Widerspruch zu einem harmonischen, fehlerfreien Zusammenspiel zu stehen scheint, denn dazu muss der Partner vorhersagbar sein. Dieses Paradoxon ist in der Musikwissenschaft seit Langem bekannt, und obwohl jedes Ensemble der Welt es tagtäglich wie selbstverständlich löst, ist es wissenschaftlich bisher nicht vollständig verstanden.