Im Kitzbühel der Eisläufer

Wenn sich der Himmel im Eis spiegelt, und man durch die dicke Eisdecke bis zum Grund des glasklaren Sees schauen kann, dann spricht man am Weissensee vom „schwarzen Eis“ oder dem „Spiegeleis“.
Wenn sich der Himmel im Eis spiegelt, und man durch die dicke Eisdecke bis zum Grund des glasklaren Sees schauen kann, dann spricht man am Weissensee vom „schwarzen Eis“ oder dem „Spiegeleis“.(c) Weissensee Info

Der Kärntner Weissensee gilt als einer der spektakulärsten Natureislaufplätze Europas. Eismeister Norbert Jank erzählt von der Kunst, das Eis richtig zu lesen, von James Bond und davon, wie er schon mehrmals eingebrochen ist.

Er ist der Meister des Eises. Wenn Norbert Jank sagt, es geht, dann geht das Eislaufen auch. Beziehungsweise, erst stellt man unweigerlich trotzdem nur einen Fuß, erst zögerlich den zweiten aufs Eis. Es knirscht, kracht, man sieht Risse, die tief durch die Eisdecke gehen. Und wenn es stellenweise so klar ist, dass man durchs Eis auf den Grund des Sees schauen kann, kostet es Überwindung, dem Eis ganz zu trauen. Und dann kommt Norbert Jank vorbei. Er pflügt auf seinem Traktor über den See, schiebt den Schnee mit dem Zweienhalbtonner vom Eis, nicht weit entfernt traben Kutschpferde mit einem Wagengespann über den gefrorenen See. Könnte sich also ausgehen, dass einen das Eis auch noch aushält.

Norbert Jank ist am Weissensee der Eismeister, oder ein Eis-Guru, wie man ihn schon nannte. Der 72-Jährige ist einer derer, die hauptverantwortlich dafür sind, dass der See heute als Mekka des Eislaufs gilt. Eis gelaufen wurde hier immer, mit dem Tourismus angefangen hat alles, als 1968 der erste Doppelsessellift Kärntens gebaut wurde.

„Das war für den Weissensee ein Wahnsinn. Ich hab' dann im Fernsehen gesehen, dass die Tiroler mit den Touristen in Pferdekutschen fahren. Das wollte ich auch, weil's auf der Straße oft nicht gegangen ist, bin ich aufs Eis ausgewichen. Da hab ich selber schauen müssen, ob das Eis stark genug ist, ich hab' gepflügt, wenn es geschneit hat und angefangen, mich mit dem Eis auseinanderzusetzen.“ Über die Jahre wurden die Eisläufer mehr, als dann die James-Bond-Produktion kam (siehe unten), „da haben die Leute aus der Crew gesagt: Der ist unser Eismeister.“

Zu Kathrein friert er ein. Was macht das Eis vom Weissensee aus? Der See liegt hoch, auf 930 Metern, der flachere Westteil, das „kleine Meer“, friert jedes Jahr verlässlich zu. 70 bis 80 Eislauftage gibt es hier sicher. Der Ostteil ist bis zu 100 Meter tief und friert gewöhnlich einen Monat später zu. Stark genug, um darauf zu laufen, ist das Eis hier nur alle paar Jahre. „Es gibt da einen Spruch bei uns: Zu Kathrein friert er ein, auch wenn's mitten im Sommer ist“, sagt Jank, lacht, „dabei ist Kathrein fix am 25. November, der Tag wandert nicht.“ Kärntner Schmäh? „Ja, ja, so sagt man.“ Zu Kathrein beginnt also seine Arbeit. Der Eismeister beobachtet, zeichnet Karten, welche Stellen wann frieren, wo Schwachstellen sein könnten. Er bohrt Löcher, steckt Fichtenzweige hinein, um die Dicke zu messen. Und, er und sein Team, zwei Söhne Janks und noch ein Mitarbeiter, pflügen den Schnee vom Eis. Denn der isoliert. Liegt zu viel Schnee, wächst das Eis nicht mehr und bildet potenziell gefährliche Stellen.

„Sein“ Eis trägt Traktoren oder Pferdekutschen: Eismeister Norbert Jank.
„Sein“ Eis trägt Traktoren oder Pferdekutschen: Eismeister Norbert Jank.(c) Christine Imlinger

Im Dezember trägt das Eis meistens. „Zu Fuß hält's ja gleich einmal. Bei vier Zentimeter sind die ersten Eisläufer darauf, das ist nicht erlaubt und auf eigenes Risiko. Es gibt immer wieder welche, die schwimmen gehen“, sagt er. „Man muss sagen, es sind meistens Holländer, die meinen, das Wasser sei so flach wie in ihren Grachten.“ Aber meistens brechen diese am Weissensee im Flachen ein, im Schilf, wo die Quellen sind und das Wasser wärmer – aber da kommt man auch schnell wieder hinaus. Auch Jank selbst ist schon öfter eingebrochen, mit seinen Fahrzeugen. Ab acht Zentimeter Eisdicke pflügt er mit einem Quad, ab 13 Zentimeter mit dem Auto, ab 17 mit dem Traktor. „Aber je nach Eisqualität kann ich auch bei 30 Zentimeter mit dem Auto einbrechen, wenn das Wetter nicht mitspielt. Das ist meine Aufgabe, das zu kontrollieren. Aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung spiele ich mich.“

„Gluck, gluck, fort ist er.“ Drei Autos habe er schon versenkt, erzählt Jank ungerührt. „Das soll nicht sein, kann aber passieren. Wenn das Auto einbricht ist es nicht – zack – weg, das bleibt irgendwo hängen, es ist ja ein Pflug dran. Dann steige ich aus, hau die Sachen raus, dreh die Fenster zu. Das dauert Minuten, dann sauft er ab, gluck, gluck, fort ist er.“ Aber die Autos werden schnell geborgen, Öl trete durch den Druck keines aus. Im längsten Fall, im tiefen Teil des Sees, war ein Auto drei Wochen im See. Dann kam die Sondereinheit Cobra, deren Taucher am See trainieren, die konnten das Auto in 50 Metern Tiefe zur Bergung anhängen.

Angst hat er deswegen keine, auch Eisläufer brechen nur ein, wenn sie sich viel zu früh, vor der Freigabe, aufs Glatteis wagen. Wenn Jank sagt, dass das Eislaufen gehe, gilt das am Weissensee. „Das ist die Erfahrung, du musst den See kennen, jeden Quadratmeter, das steht in keinem Buch, welche Stellen heuer tückisch sind“, sagt er, und spricht vom Lesen des Eises.

Heuer trägt es, auch wenn die ersten Schwünge mit stellenweise surrealem Blick durch das Eis zaghaft sind. Wenn es knirscht und kracht, sich lange Fugen durch das Eis ziehen. „Das Eis arbeitet, braucht's euch nichts denken, das trägt einen Traktor.“ Wenn der Eismeister das sagt, dann hält es wohl.

Hinweis: Die Redakteurin wurde von der Kärnten Werbung und dem Weissensee Tourismus eingeladen.

 

In Zahlen

Mit 6,5 Quadratkilometern und einer Eisdecke von bis zu 50 Zentimeter Stärke ist der Weissensee die größte beständig zufrierende Natureisfläche Europas.

Mit 930 Metern Seehöhe liegt der Weissensee deutlich höher als die meisten Seen in Österreich – damit gibt es jedes Jahr tragendes Eis.

70 bis 80 Eislauftage – also Tage an denen das Eis vom Eismeister freigegeben wird – gibt es jährlich. Ab Mitte Dezember friert der See sicher zu.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2019)