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Der Garten der Frau in Weiß

Die Wilde Möhre in voller Entfaltung.
Die Wilde Möhre in voller Entfaltung.(c) Woltron

Die amerikanische Dichterin Emily Dickinson bleibt eine Ausnahmeerscheinung ihrer Zeit. Um sie zu verstehen, wird ihr Garten in Amherst, Massachusetts, nun archäobotanisch analysiert.

Über die rätselhafte amerikanische Dichterin Emily Dickinson ist bekannt, dass sie zu ihren Lebzeiten nicht für ihr literarisches Werk bekannt war, sondern für ihren prächtigen Garten. Ab dem Alter von 20 Jahren kleidete sie sich nur noch in Weiß und verließ das Familienanwesen in Amherst, Massachusetts, so gut wie nicht mehr. Sie hielt sich dafür oft im Garten auf, pflanzte Obstbäume, legte Blumenrabatten an, und wenn der Winter kam, zog sie sich in ein beheiztes Glashaus zurück, wo sie Farne, duftenden Jasmin, Gardenien und andere empfindliche Pflanzen zog.

Die melancholische Dichterin starb im Jahr 1886 im Alter von nur 55 Jahren. Ihre Werke, zuvor oft in Briefen an Freunde versandt, wurden erst vier Jahre später posthum veröffentlicht. Heute gilt die seltsame Frau in Weiß als eine der bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen, ihrer Zeit weit voraus und kaum zu fassen. Ihre Lyrik ist schwer zu interpretieren, sie ist abgründig und mysteriös, und auffällig oft flicht sie Pflanzen und Blumen in ihre Verse, wie etwa in diesem Gedicht: „Ein Kelch, ein Blatt, ein Dorn. An irgendeinem Sommermorgen – ein Schälchen Tau – Bienen, ein oder zwei – ein Windhauch – Rascheln in den Zweigen – und ich bin eine Rose!“

In den knapp 1800 Gedichten der Emily Dickinson tauchen an 600 Stellen etwa 80 verschiedene Pflanzen auf. 350 Mal bezieht sie sich außerdem auf Blumen, allen voran auf ihre geliebten Rosen, doch auch Wildblumen nehmen einen gewichtigen Platz ein. Irgendwann zur Jahrhundertwende bekam das Familienanwesen mit dem Namen „The Homestead“ neue Besitzer und damit auch neue, weniger ambitionierte Gärtner.

Gefällte Bäume. Über die Jahrzehnte mussten viele der von Dickinson angelegten und sorgfältig in Schuss gehaltenen Blumenbeete weniger aufwendig zu pflegenden Rasenflächen weichen. Die Obstbäume wurden gefällt, und 1916 hatte schließlich auch das alte Glashaus ausgedient. Die neuen Besitzer rissen das viktorianische Gartenhäuschen ab, planierten den Boden und säten Gras darüber.

Seit ein paar Jahren wird diese Scholle jedoch mit feinen Spaten erstmals wieder aufgebrochen und mit Sieben durchkämmt. In tieferen Schichten werden Erdproben entnommen, ausgewaschen, abgeseiht und analysiert. Wie bei einer archäologischen Ausgrabungsstätte wird das Areal, heute Teil des Emily-Dickinson-Museums, genau kartografiert, in Zonen geteilt und systematisch erforscht.

Dank der Wissenschaft der Archäobotanik soll der Garten wieder auferstehen. Studenten und Wissenschaftler haben mittlerweile herausgefunden, wo die mit großen flachen Findlingssteinen gepflasterten Wege auf dem großen Grundstück verliefen, wo das vormalige Glashaus gestanden, wo der Obstgarten gelegen und wo die Dichterin ihre Blumenbeete angelegt hatte.

Das Glashaus wird derzeit rekonstruiert, wobei möglichst viele Originalelemente, von denen offenbar einige erhalten geblieben sind, verwendet werden. Zugleich betrachtet die Wissenschaft aus der Tiefe von bis zu 30 Zentimeter geholte Pflanzenreste, Samen, ja sogar Pollen durch Mikroskope, um herauszufinden, was da alles wucherte und blühte.

Sie fanden etwa entlang des vormaligen Weges die Samen diverser Beerenpflanzen, wie Himbeeren und Brombeeren. Sie konnten anhand von konservierten Wurzeln und Knollen rekonstruieren, dass Dickinson unter vielem anderen Iris, Hyazinthen und Schachbrettblumen gepflanzt hatte. Die Gartenarchäologie dient nicht zuletzt als Labor für die Studentinnen und Studenten der wenig bekannten, doch aufregenden Disziplin der Archäobotanik. Diese befasst sich zwar gewöhnlich mit wesentlich älteren Fundstätten, doch auch hier kann sie aus dem Vollen schöpfen.

Die Archäologen fanden neben den aufwendig zu analysierenden botanischen Resten auch Handfestes wie Blumentöpfe und Schaufelchen, und wer weiß, was noch alles im Boden des alten Herrenhausgartens ruht und an das Tageslicht befördert werden will. Den Wissenschaftlern geht es zwar auch um die Rekonstruktion der Gartenanlage, doch im Vordergrund steht der Wunsch, die Person der Dichterin über diese Anlage besser verstehen zu lernen. Sie schuf sich mit dem Garten ein Universum, das sie kaum je verließ, aus dem sie Ideen schöpfte. Literaturhistoriker, seit Langem bemüht, Emily Dickinsons teils rätselhafte Dichtkunst zu verstehen, sind der Ansicht, dass ihre Passion für alles Botanische letztlich einer, wenn nicht der Schlüssel zu ihrem magischen Werk darstellt.

Emily Dickinson. 1830 in Amherst, Massachusetts geboren, 1886 ebenda gestorben. Zu Lebzeiten war sie vor allem als passionierte Gärtnerin bekannt, heute gilt die Dichterin als eine der wichtigsten Vertreterinnen der amerikanischen Literatur.

Museum. Das umfasst nicht nur Dickinsons Elternhaus, sondern auch das benachbarte Anwesen, das ebenfalls der Familie gehörte. Einen virtuellen Blick darauf werfen kann man unter dieser Adresse: Emilydickinsonmuseum.org

Übersetzung. Erst 2015 erschien ihr Gesamtwerk in der deutschen Übersetzung von Gunhild Kübler. Emily Dickinson. „Sämtliche Gedichte“. Carl-Hanser-Verlag, € 49,90.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2019)