Bernard-Henri Lévy: "Kurz ist Macrons Gegenteil"

„Eine Katastrophe für England und Europa“: Bernard-Henri Lévy prophezeit, dass der Brexit das Ende der EU bedeuten werde.
„Eine Katastrophe für England und Europa“: Bernard-Henri Lévy prophezeit, dass der Brexit das Ende der EU bedeuten werde.(c) REUTERS (Benoit Tessier)

Der französische Philosoph über sein Theaterstück in Wien, die k. u. k. Monarchie als Athen Europas und tödliche Gelbwesten-Diskurse.

Die Presse: Sie sagten, Europa werde den Brexit nicht überleben. Nun wollen Sie mit Ihrem Stück „Looking for Europe“ zur Rettung Europas beitragen. Spielen Sie im März in Wien den Don Quichotte?

Bernard-Henri Lévy: In der Londoner Version, die dem Stück zugrunde liegt, sagte ich, dass der Brexit eine Katastrophe für England und für Europa wäre. Ich kämpfe also weiter.

Sie bleiben also dabei – der Brexit ist das Aus für die EU?

Ja.

Ihr Ein-Mann-Stück ist Teil Ihrer Riesenkampagne vor den EU-Parlamentswahlen. Sie touren durch 25 Städte, es wird eine interaktive Internetplattform geben, auf der man Fragen zur EU stellen kann, einen Film . . . Dafür braucht es viele Mitarbeiter. Wer zahlt das? Erhalten Sie EU-Subventionen?

Wir haben angesucht, aber noch keine Zusage. Es gibt einige Sponsoren, etwa mich.


Es heißt, dass Sie den Stücktext an das jeweilige Land anpassen. Stimmt es auch, dass Sie lokale Persönlichkeiten auf die Bühne holen werden?

Für Wien habe ich nichts geplant.


Warum nicht den österreichischen Autor Robert Menasse? Auch er engagiert sich als europäischer Patriot.

Ja, warum nicht? Ich weiß, wer er ist, kenne ihn aber nicht persönlich. Hiermit lade ich ihn durch Sie zu einem Treffen ein.

Auf der Internetplattform von „Looking for Europe“ können laut Presseunterlagen „besorgte, enttäuschte oder ganz einfach orientierungslose“ Menschen Fragen stellen. Ist die Darstellung des Bürgers als verlorenes Kind nicht auch eine Art, Kritik zu delegitimieren?

Ich glaube nicht, dass das Volk aus Kindern besteht. Aber ich glaube, dass die Menschen sich irren, die sagen, dass Europa schlecht für das Volk ist, und dass man erklären muss, warum das so ist. Es gibt nicht genug europäische Pädagogik.

Dieses Lamento gibt es seit Jahrzehnten.

Eben weil man nicht genug erklärt! Ich bin nicht viel, ich bin ein einfacher Autor – aber immerhin mache ich es.

Glauben Sie nicht, EU-Kritiker werden in Ihrem Projekt eine PR-Plattform sehen?

PR wofür? Ich bin ein Schriftsteller. Ein freier Mann. Meine Obsession ist es, meinen Kindern ein solideres Europa zu hinterlassen. Weil ich glaube, dass das die einzige Garantie ist, die sie haben, damit der Frieden andauert, die Wirtschaft blüht und die Gefahr von Tyrannei und Totalitarismus gebannt bleibt. Für das alles braucht es die EU.

So, wie sie jetzt ist?

Ich glaube an ein noch politischeres, föderaleres, demokratischeres Europa.

Mit einer direkt gewählten Regierung?

Ja, weil die großen politischen Probleme nicht auf nationalem Niveau zu lösen sind. Nehmen wir nur die Steuerflucht, den von Saudiarabien genährten Terrorismus, den Widerstand gegen Chinas Wirtschaftsimperialismus, den Kampf gegen die Fake News Putins, die russische Aggressivität, den Versuch der Türkei, Europa zu destabilisieren und so weiter. Früher war die geeignete Agora die Nation, heute ist es Europa. Das haben schon Dante und Machiavelli verstanden.

Eine europäische Regierung scheint heute so wenig realistisch wie vor 20 Jahren.

Ja, deswegen stürze ich mich auch in dieses Abenteuer. Österreich müsste das am besten verstehen. Wien war Hauptstadt des Habsburgerreiches, das wahrlich nicht schlecht funktioniert hat. Es war ein Wunder der Geisteskraft, mit einem liberalen Regime, eine Wiege der Zivilisation. Am Ende ist es versteinert, trotzdem ist sein Verschwinden eine der großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Wenn es in Europa einen Raum gibt, wo meine Botschaft auf Gehör stoßen sollte, ist es Österreich. Österreich atmet europäisch. Österreich war für Europa, was Athen für den griechischen Raum war – eine Art Wiege, ein Nervenzentrum. Auch der Niedergang Athens begann, als der Körper seine Gliedmaßen verlor und nur der Kopf blieb.

Zu Frankreich: Was halten Sie von der „großen nationalen Debatte“, mit der Emmanuel Macron jetzt auf die Bewegung der Gelbwesten reagiert hat?

Es ist ein beispielhaftes demokratisches Modell, so etwas habe ich selten erlebt. Ein Präsident, der sagt: Sie sind zornig, besorgt? Sagen Sie mir, warum! Sie haben Ideen? Sagen Sie sie! Vielleicht haben Sie welche, die ich und meine Mannschaft nicht hatten! Das ist ein fast mäeutisches Modell. Im Mai 1968 hatten wir das nicht. Natürlich – am Ende muss eine politische Instanz entscheiden.

Und wie denken Sie über die Gelbwesten?

Es ist ein wichtiges Phänomen, das auch sehr gefährlich sein kann. Die Demonstrationen am 6. Februar 1934 in Paris waren diesen hier beunruhigend ähnlich. Eine soziale Bewegung ist nicht zwangsläufig gut. Auch die faschistischen Bewegungen waren soziale Bewegungen, sonst hätten sie nicht funktioniert. Natürlich müssen Probleme gelöst werden. Aber das Leiden, das soziale Elend gibt nicht alle Rechte. Es gibt in dieser Bewegung eine Sprache, die den Tod transportiert.

Links, rechts – viele Kommentatoren wunderten sich anfangs, dass sich in den Gelbwesten alles vermischt . . .

Weil das ihre ideologischen Schubladen sprengt. Dabei sind es Zwillinge. Le Pen und Mélenchon haben dieselbe DNA: Hass auf Elite, Demokratie, Republik, auf das Denken der Intellektuellen.

Vor zehn Jahren haben Sie und Michel Houellebecq einen Briefwechsel veröffentlicht, „Volksfeinde“. Fühlen Sie sich denn von der Öffentlichkeit so ungeliebt?

Das war eher Houellebecqs Sicht, er fand es schlimm, es machte ihn traurig, gehasst zu werden, hinderte ihn manchmal sogar am Schreiben. Natürlich habe ich auch Feinde, auch in Wien werde ich mir mit meinem Stück Feinde machen. Weil ich mich lustig mache über eine Außenministerin, die am Tag ihrer Hochzeit mit Putin tanzt. Oder über einen jungen, schneidigen und so seltsamen österreichischen Bundeskanzler . . .

Was haben Sie denn über ihn zu sagen?

Sie werden sehen. Nicht viel Gutes.

Etwas konkreter bitte.

Das werde ich im Stück.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten mit Macron?

Kurz ist Macrons Gegenteil. Sie werden es sehen: Die zwei werden bei mir auf der Bühne sein – durch mich, ihren Bauchredner.

2015 haben Sie sich in Wien für einen Marshallplan für die Ukraine engagiert – an der Seite des Initiators, des ukrainischen Ex-Oligarchen Dmytro Firtasch, der seitdem u. a. wegen Geldwäsche inhaftiert wurde. Wie ist Ihre Beziehung zu ihm?

Der Marshallplan war meine Initiative, meine Idee. Ich habe sie 2014 auf einer Konferenz in Wien lanciert. Herr Firtasch war dort, hat den Ball gleich aufgegriffen und versucht, weitere ukrainische Akteure zu gewinnen. Leider ist das nicht gelungen.

Sind Sie noch in Kontakt mit ihm?

Nein.

Sie haben 2011 Dominique Strauss-Kahn verteidigt, als Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn aufkamen. Würden Sie das heute, nach #MeToo, genauso tun?

Natürlich. Mir hat an diesem Fall die umgekehrte Klassenjustiz nicht behagt. DSK galt als so schuldig, weil er mächtig, reich und berühmt war. Umgekehrt wurde die Stimme seiner Anklägerin automatisch als gültiger als die seine angesehen. Was #MeToo angeht – es hat sehr positive Effekte, aber Gericht soll in Gerichtssälen gehalten werden, nicht in den Medien. Ganz abgesehen von der Literatur! Der radikalste Neofeminismus macht gerade den Klassikern den Prozess. Nabokov könnte heute nicht mehr „Lolita“ publizieren. Eine Spielart des Neofeminismus ist Teil des heutigen Populismus.

#MeToo ist also für Sie Ergebnis eines radikalen Neofeminismus?

#MeToo hat das große Verdienst, verständlich gemacht zu haben, dass etwa sexuelle Belästigung ein Vergehen ist. Aber amouröse Beziehungen gehören nicht in die Welt der Kodifizierung oder der totalen Versprachlichung. Und Vorabverurteilungen, Lynchjustiz – das widert mich an.

Zur Person

Als BHL kennt man ihn auch: Bernard-Henri Lévy gilt als Paradetyp des auf allen medialen und politischen Bühnen streitenden französischen Intellektuellen. In den 70ern gehörte er mit André Glucksmann und Alain Finkielkraut zu den „nouveaux philosophes“, die aus antitotalitären Motiven promarxistische Philosophen wie Sartre kritisierten. Er veröffentlichte Bücher wie „Die Barbarei mit menschlichem Antlitz“ und „Die gefährliche Reinheit“, auch Belletristik. Heute gibt er das Journal „La Règle du jeu“ heraus, ist Anteilseigner der „Libération“. Auch auf der Theaterbühne sieht er sich gern: Mit „Looking for Europe“ tritt er am 19. März in Wien im Theater Akzent auf.