Wie ich in Paris erstmals die Bedeutung des Begriffs "Zivilisation" verstand. Kleines französisches Kulturalbum, Teil 2.
Der fröhliche Pariser Gaskassier – ein zuvorkommender junger Mann, der seine Aufgabe lässig und doch gewissenhaft erledigt. Er kommt, frisch gewaschen und allerbester Laune, exakt zur angesagten Zeit mit seinem kleinen Gerät, in das er die Strom- und Gasstände einträgt. Der Job macht ihm Spaß, obwohl er ihn eventuell unterfordert.
Alles, was er anpackt, läuft hervorragend, er hat viele enge Freunde und versteht sich gut mit seinen Eltern, mit denen er auch die Weihnachtsabende verbringt. Sie sind genauso nette Leute wie er. Er wünscht sich und allen anderen Glück und Gesundheit. Er sieht gut aus, weil er sich pflegt, hat keinerlei Probleme mit Alkohol, Nikotin oder sonstigen Drogen.
Er hat eine nette Freundin, die er nie betrügt, und die an ihm seine Ehrlichkeit, Unkompliziertheit und Offenheit schätzt. Ihre Beziehung ist stabil, aber trotzdem nicht ohne Leidenschaft, denn der fröhliche Pariser Gaskassier und seine Freundin passen sexuell ausgezeichnet zueinander.
Sie bilden sich weiter, verfolgen aufmerksam die Politik, spenden regelmäßig, obwohl sie nicht zu viel Geld haben, kleinere Summen an sinnvolle Ökoprojekte, sie besuchen das Theater, und im Fernsehen sehen sie am liebsten Naturdokus. Letzte Woche hat er einen Vertrag für noch mehr TV-Kanäle unterzeichnet, sie haben jetzt 99 statt 33, und es ist nicht einmal viel teurer! Beide kochen gern, ernähren sich gesund, betreiben Sport. An Sonnentagen ist der fröhliche Gaskassier unterwegs mit seiner Freundin, sie laufen durch die Wälder, teilweise sogar Hand in Hand.
Und dieser Mann war bei mir!
Eine violette Dame stolperte über die Begrenzungen des Fahrradwegs. Sie geriet ins Wanken, taumelte, einen Moment lang glaubte ich, sie werde sich fangen, doch dann krachte sie zu Boden. Mit schnellen Schritten war ich bei ihr und griff ihr unter die Arme, um sie in die Vertikale zu bringen. Während ich sie aufstellte, jammerte sie leiernd „Je n’ai pas vu les traits, les traits, les traits, je n’ai pas vu“. Ich verstand sie nicht. Ich hatte den Impuls, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen, aber
„Ça va?“ hätte merkwürdig geklungen. Ich kümmerte mich stattdessen um ihre violette Handtasche, die beim Sturz ebenfalls zu Boden gegangen war.
Inzwischen waren wir in die Beobachtungslinie zweier junger schwarzer Rapper mit Sonnenbrillen geraten, denen sich die Situation so darstellte: Ein etwas gehetzter Unhold beutelt sein violettes Damenopfer, das unentwegt „Les traits, les traits“ schreit, und macht sich zudem an der Handtasche der Unglücklichen zu schaffen. Bevor sie eingriffen, machte sich die Dame jedoch von mir frei, entriss mir die Handtasche und setzte ihren Amoklauf durch die Straßen ohne jeglichen Dank unter „Je n’ai pas vu“- und „Les traits“-Rufen fort.
Die Sonnenbrillenrapper musterten mich mit unendlicher Verachtung. Wir stierten einander einige Sekunden lang an, und dann ging jeder seines Wegs.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at
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