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Pop

Sharon Van Etten: Lieder über den alten Schmerz

Was würde ihr Teenager-Ich von ihr als Erwachsener halten? Sharon Van Etten blickt auf „Remind me Tomorrow“ in den Rückspiegel – und wirkt dabei hoffnungsfroher als auf ihren bisherigen Alben.
Was würde ihr Teenager-Ich von ihr als Erwachsener halten? Sharon Van Etten blickt auf „Remind me Tomorrow“ in den Rückspiegel – und wirkt dabei hoffnungsfroher als auf ihren bisherigen Alben.(c) Ryan Pfluger
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Die US-Singer-Songwriterin Sharon Van Etten vertont ihren neu gewonnenen Optimismus mit dunklen, unheilvollen Synthesizerklängen: ein reizvoller Widerspruch.

Einen Song mit einem Fade-in zu beginnen hat im Streaming-Zeitalter etwas charmant Anachronistisches. Weil Songs auf Diensten wie Spotify erst ab einer Spieldauer von 30 Sekunden gewertet werden, entzünden Popsongs heute vielfach gleich zu Beginn ein Feuerwerk. Sharon Van Etten kümmert diese Verwertungslogik nicht. Sie lässt das berührende „Seventeen“ nicht nur behutsam anschwellen, sondern auch nur langsam an Lautstärke gewinnen. Als ob sie einen Anlauf bräuchte, um sich in ihr 17-jähriges Ich zurückzuversetzen: „I used to feel free, or was it just a dream?“, singt sie zu einem Rhythmus, der nur den Blick nach vorn kennt, dessen rasantes Tempo von juvenilem Aufbruch kündet. Aber war alles unbeschwerter? War sie früher tatsächlich freier? Was würde ihr Teenager-Ich von ihr als Erwachsener halten? Die Kraft dieses Songs liegt darin, dass er keine einfachen Antworten gibt, kein verklärtes Bild der Adoleszenz zeichnet. „I see you so uncomfortably alone, I wish I could show you how much you've grown“, singt sie, als wolle sie ihr jüngeres Ich an der Hand nehmen.

 

Es ist nicht der einzige Song auf ihrem fünften Album, „Remind me Tomorrow“, für den die 38-jährige Singer-Songwriterin aus New Jersey in den Rückspiegel blickt. In „Comeback Kid“ fühlt sie sich beim Besuch im Elternhaus wieder wie die rebellische Tochter, die einfach nur weg will. Zu energischem Puls singt sie immer wieder „Comeback kid, comeback kid“ und „Don't look back, don't look back“: mit bestimmtem, beinahe triumphierendem Ton, der auch vom Weitermachen kündet, selbst wenn man ganz unten war, einem das Herz gebrochen wurde. Von Letzterem, von toxischen Beziehungen und dem Schmerz enttäuschter Liebe, handelten ihre bisherigen Alben. „Remind me Tomorrow“ ist dagegen hoffnungsfroh. Van Etten strahlt Zufriedenheit aus, auch wenn die Musik das Gegenteil nahelegt: Ihren intimen Folk-Rock tauscht sie gegen dunkel dröhnende, dichte Klangwelten, geprägt von Piano, schweren Beats und bisweilen unheilvollen Synthesizern.

Im nebelverhangenen „Jupiter 4“ steuert die Geschichte über das Finden der großen Liebe auf einen atmosphärischen Nullpunkt zu. „I've been waiting, waiting, waiting my whole life, for someone like you“, singt sie zu sinister schwellendem Synthesizer und einer Art Geisterchor im Hintergrund. Und schließt: „A love so real.“ Fesselnd.

„We held hands as we passed the truck“: Die Pianoballade „Malibu“ erzählt von Liebenden im roten Mietauto, „driving down the road“, als ob die Welt nur ihnen gehörte. Doch auch in diese Roadmovie-Idylle mischen sich störrische Zwischentöne, bevor der Song in einem Meer aus Rauschen endet. Traut Van Etten ihrem privaten Glück – sie verliebte sich, wurde Mutter, begann zu studieren und spielte in einer Netflix-Serie – selbst noch nicht ganz? Hat sie nun mehr zu verlieren denn je? Vielleicht liegt es darin begründet, dass die optimistischen Texte und die dramatische, bisweilen beklemmende Musik oft so auseinanderklaffen. Nur einmal decken sie sich vollends: im ätherischen „Stay“, das dieses eindringliche Album mit einer Gewissheit beendet: „Have you all my lifetime“, eröffnet Van Etten dieses Liebeslied an ihren Sohn. Und schließt es mit den Worten „You stay“: Diese Liebe wird bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2019)