Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Burkina Faso: Schreiben in einem Land ohne Leser

(c) Anna Mayumi Kerber
  • Drucken

Nirgendwo sonst ist der Anteil an Analphabeten größer. Nur ein Viertel der rund 14 Millionen Burkiner ist des Lesens mächtig. Das macht das Zeitungsgeschäft besonders hart.

Bassératou Kindo ist in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmefall. Die 24-Jährige geht auf die Hochschule und ist seit einigen Monaten Redaktionsaspirantin beim „Express du Faso“ – das ist eine von vier Zeitungen in Burkina Faso, einem Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit.

Die wichtigste Ausnahme ist, dass sie lesen und schreiben kann: Nur ein Viertel der rund 14 Millionen Burkiner (auch „Burkinabé“, was „die Aufrichtigen“ heißt) beherrscht das – wiewohl sich diese Rate in den vergangenen zwei Jahrzehnten sogar verdoppelt hat. Nur im benachbarten Niger ist die Analphabetenrate ähnlich hoch. Doch weder Kindos Mutter noch ihre fünf Geschwister zählen zur „erlauchten“ Minderheit. Ihr Vater ist der Einzige der Familie, der ihre Arbeit verfolgen kann. „Irgendwie jedenfalls“, meint Kindo und wirkt etwas niedergeschlagen.

 

Internet? Gibt's hier nicht!

Ihr Arbeitsplatz in Bobo-Dioulasso, der zweitgrößten Stadt des Landes im Südwesten (rund 450.000 Einwohner), besteht aus drei Computern und einem Drucker mit Kopierfunktion. Den teilt Kindo mit drei Redakteuren und einem Praktikanten. Einige Mitarbeiter sind als Korrespondenten in der Hauptstadt Ouagadougou.

Internet gibt es in der Redaktion des „Express“ nicht – wer E-Mails verschicken oder im Web recherchieren will, muss ins Cybercafé ein paar Straßen weiter.

Was die Zeitung in Bobo mit vielen anderen weltweit eint, ist ein Mangel an Anzeigen. Der sei chronisch, meint Jacques Bama, Herausgeber und Finanzchef. Seit das Regionalblatt vor zwölf Jahren startete, hofft es auf Werbung. Doch danach sucht man noch vergeblich auf den zwölf Seiten, aus denen das Blatt meist besteht.

 

Klassisches Schwarz-Weiß

Viele schätzten es, dass sich die Redaktion auf regionale News konzentriere, heißt es. Nur nehme die Wertschätzung kaum Geldform an. Die großen Werber – meist Mobilfunk-, Baumwoll- und Treibstofffirmen – würden den Farbdruck der Konkurrenz bevorzugen, so Bama. Das ist Zukunftsmusik für den „Express“, bei dem nur der Titelschriftzug bläulich gedruckt wird.

Noch immer finanzieren Abonnements die Zeitung. Die meisten Exemplare gehen an Regierungsstellen, andere an Hilfsorganisationen und Großfirmen. Die Auflage ist etwa 2500 Stück, die Hälfte jener der größeren Zeitungen im Land. So viele Exemplare würden, sagt Bama, zumindest an Tagen gedruckt, an denen das Geld reiche. Nicht immer habe er die dafür nötigen 500.000 CFA-Francs (ca. 760 Euro) – rund 45.000 Euro sollen zuletzt die jährlichen Einnahmen betragen haben.

Grund dafür sind Zahlungsrückstände der Abonnenten. Das Büro von Staatspräsident Blaise Compaoré bilde da keine Ausnahme. „Es ist ja nicht so, dass sie das Geld nicht hätten“, erzählt der 76-Jährige so, wie man einen Witz erzählt. „Aber die, die dort für die Bezahlung zuständig sind, nehmen sich Zeit. Sehr viel Zeit.“

Die Lage der Pressefreiheit hingegen bereite ihm weniger Kopfzerbrechen. „Wir haben eine Menge demokratischer Institutionen“, so der Zeitungsmacher. Garantie für Demokratie sei das trotzdem keine. Der Mord an einem Journalisten, der sich 1999 mit Recherchen über ein Gewaltverbrechen in der Präsidentengarde beschäftigte, wurde nie aufgeklärt. Das sei ein Ausnahmefall, doch bei negativer Berichterstattung über einzelne Politiker müsse man trotz Zensurverbots aufpassen: „Vor Gericht hat man schlechte Chancen“, sagt er lachend und verweist auf die „Scheindemokratie“ im Land.

Kindo lässt sich dadurch nicht abschrecken. Bereits im Kindesalter hatte sie diesen Berufswunsch. Obwohl sie fünf Brüder hat, haben ihre Eltern ihre Ausbildung ermöglicht. Die ist teuer, und Buben werden bevorzugt. Ihre einzige Schwester wurde mit 14 verheiratet. „Die Ehe ist arrangiert worden“, erklärt die junge Frau den normalen Werdegang für Mädchen. Trotz mehrjährigem

Besuch der Grundschule kenne die Schwester zwar das Alphabet – Worte oder Sätze zu erfassen würde ihr jedoch schwer fallen.

 

„Schreiben liegt Frauen weniger“

Ihren Beruf definiert sie als „Männerberuf“, für Frauen seien die Umstände hart. „Zu wenig Zeit, zu viel Druck“, auch das Schreiben liege Frauen weniger, meint sie. Zynisch betrachtet, hat sie recht: Immerhin können doppelt so viele Männer wie Frauen in Burkina Faso lesen und schreiben.

„Afrikanische Frauen haben es nicht leicht. Ich möchte zur Entwicklung des weiblichen Teils der Gesellschaft beitragen“, meint Kindo verlegen. Also habe sie sich auf Frauenthemen spezialisiert. Über ihr Gehalt von umgerechnet 30 Euro im Monat beschwert sie sich nicht; immerhin ist die Arbeitslosenquote hier etwa zu gleichen Teilen auf Analphabeten und Schriftkundige verteilt.

Nach Ende ihres Literaturstudiums in Bobo wolle sie 2011 auf die Journalistenschule nach Ouagadougou.In ihren Träumen sehe sie sich sogar bei „France 24“ vor der Kamera, meint sie mit Blick auf den alten Fernseher im Empfangsraum der Redaktion. Das wage sie aber nicht einmal zu hoffen.

DAS PROJEKT

Das Autorenduo Anna Mayumi Kerber und Niels Posthumusdurchquert auf dem Weg zur Fußball-WM im Juni in Südafrika Afrika von Marokko bis zum Kap der Guten Hoffnung; dort wollen die Vorarlbergerin und der Holländer bis zur WM sein. Ihre Berichte unter dem Motto „The Road to 2010“ erscheinen als Serie in der „Presse“.

www.theroadto2010.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2010)