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Vorsicht Ethnisierungsfalle!

Den Roma am Rand der Gesellschaft muss geholfen werden – ohne das Zerrbild Rom=arm zu verfestigen.

Zigeunerkriminalität“ heißt das Zauberwort, mit dem auch der letzte Wähler an die Urnen gelockt werden soll, um am Sonntag bei Ungarns rechtsextremer Partei Jobbik sein Kreuzchen zu machen. Was er unter „Zigeunerkriminalität“ versteht, erklärte Jobbik-Chef Gábor Vona in Interviews so: „Sicher gibt es auch nicht-zigeunerische Täter. Aber wenn eine alte Frau wegen eines Bechers Sauerrahm oder ein paar tausend Forint umgebracht wird, sind die Täter fast immer Zigeuner.“

In ganz Osteuropa bedienen populistische und rechtsextreme Parteien das Feindbild „Zigeuner“, hetzen gegen Roma– gegen die Menschen, die seit Jahrzehnten am Rande der Gesellschaft leben. Und diese Hetze fällt auf fruchtbaren Boden. Die Wirtschaftskrise – aber auch Misswirtschaft wie in Ungarn – hat die soziale Lage in vielen Ländern verschärft. Das verleitet dazu, nach Sündenböcken zu suchen. Und die Konkurrenz zwischen den Menschen am unteren Ende der sozialen Skala wird härter. Wenn dann etwa Roma aus dem Nachbarghetto auf der Suche nach Nahrung Feldfrüchte ungarischer Kleinbauern stehlen, kann das reichen, damit Spannungen in offene Gewalt umschlagen.

Rechtsextreme Parteien wie Jobbik verstärken Vorurteile, die ohnehin schon in der Bevölkerung vorhanden waren. Vorurteile, die sich auch aus dem Herabschauen auf Menschen speisen, die keine Arbeit haben und keine ordentlichen Häuser.

Dass zehntausende Roma und Sinti in Europa in bitterer Armut leben, ist eine Tatsache. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Das vermutlich im siebten Jahrhundert aus dem indischen Punjab eingewanderte Volk wurde in Europa jahrhundertelang ausgrenzt und verfolgt und reagierte auf Druck von außen zum Teil mit Einigelungstaktik, mit Abschottung gegenüber dem Feind, den Nichtroma.

Die Kommunisten in Osteuropa versuchten, Roma zwangsweise zu integrieren– mit mäßigem Erfolg. Viele erhielten nur untergeordnete Pseudojobs und waren nach dem Umbruch 1989 die Ersten, die die Arbeit wieder verloren. Die jahrzehntelange Beschäftigungslosigkeit ganzer Familien hat ihre Spuren hinterlassen. Und einige Betroffene reagieren mit einem Verhalten, das in allen verarmten und unterprivilegierten Schichten auftritt, ob Roma oder Nichtroma: mit der Flucht in Alkohol und Kleinkriminalität.

So groß die Probleme dieser Menschen auch sein mögen, daraus das Bild zu konstruieren, Roma seien kollektiv Sozialfälle, ist völlig falsch: Viele Künstler, Journalisten, Akademiker, Angestellte und Arbeiter sind Roma – und werden oft von ihrer Umgebung gar nicht als solche identifiziert: weil sie eben nicht den gängigen Klischees entsprechen, weil sie arbeiten, gebildet sind und nicht an der Straßenecke betteln.

Ein Zeichnen des Bildes „Sozialfall Roma“ ist zudem auch gefährlich, denn es verstärkt gängige Vorurteile. Wenn man davon ausgeht, alle Roma seien gleichsam Analphabeten, wenn man ausblendet, dass auch Roma mit großem Erfolg studieren, sitzt man rasch dem Stereotyp auf, Roma seien per se dümmer als der Rest der Bevölkerung. Und beginnt, Romakinder kollektiv in Sonderschulen zu stecken. Auch solche Kinder, die hochintelligent sind, aber nicht die Chance erhalten zu zeigen, was in ihnen steckt.

Viele Roma in Osteuropa versuchen, ihre Herkunft zu verschweigen, weil sie fürchten, andernfalls keinen Job zu erhalten. Weil sie fürchten, ein Arbeitgeber könnte sie – ungeachtet ihrer guten Schulzeugnisse – für „arbeitsscheu“ und ungebildet halten, weil Roma „eben so sind“.

Das Ethnisieren sozialer und anderer Probleme ist genau die Methode, mit der rechtsextreme Parteien wie Jobbik arbeiten. Nach dem Motto: Bestimmte Menschen stehlen nicht, weil sie mittellos und kriminellen Gläubigern „verpflichtet“ sind oder sonst irgendwie auf Abwege geraten. Sondern, weil sie – ethnisch gesehen – Roma sind. Einfache Erklärungen, die aber gerade wegen ihrer Simplizität ihre Wirkung bei Wählern nicht verfehlen.

Doch auch Wohlmeinende wie die, die gerade auf dem europäischen Roma-Gipfel in Córdoba nach Lösungen suchen, dürfen nicht in die Ethnisierungsfalle gehen. Natürlich muss man jenen Roma helfen, die am Rande der Gesellschaft leben, weil sie jahrhundertelang dorthin gedrängt wurden. Man darf dabei aber auch nicht übersehen , dass viele Roma bereits in der Mitte der Gesellschaft leben – und muss daher überlegen, ob der wachsende Hass gegen Roma in Europa ein „Roma-Problem“ ist, oder nicht vielmehr ein Problem der sogenannten Mehrheitsbevölkerung.

 


wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2010)