Verhaltensforschung: Die Froschkönigin im Regenwald

Pfeilgiftfrosch in Südamerika
Pfeilgiftfrosch in Südamerika(c) Eva Ringler

In den Tropen Südamerikas ist die Wiener Zoologin Eva Ringler seit acht Jahren den Geheimnissen von Amphibien auf der Spur. Sie entdeckte überraschende Charakterzüge bei Pfeilgiftfröschen.

„Frösche haben eigene Persönlichkeiten und zeigen individuelle Verhaltensunterschiede." Davon ist die Wiener Biologin Eva Ringler überzeugt. Die 34-Jährige widmet ihre Forschung den Pfeilgiftfröschen – in Südamerika beheimatete Amphibien, von denen einige Arten zu den giftigsten Tieren der Welt zählen. Vor wenigen Tagen wurde sie als erste Österreicherin mit dem Christopher-Barnard-Preis der Association for the Study of Animal Behaviour ausgezeichnet.

 

150 Tiere auf Insel ausgesetzt

Ausgehend von der Annahme, dass es unter diesen nur bis zu sechs Zentimeter großen Winzlingen „Draufgänger" und „Schüchterne" gibt, will Ringler nachweisen, wie sich diese Charakterzüge auf die Fortpflanzung und auf die Lebensdauer der Tiere auswirken. Dazu fährt die Forscherin im Februar nach Französisch-Guayana. Dort, im tropischen Regenwald, hat sie auf einer Flussinsel eine Froschkolonie angesiedelt, die rund 150 Tiere umfasst und unter ständiger wissenschaftlicher Beobachtung steht. Ermöglicht hat dies ein Projekt, das der damals erst 26-Jährigen vom Wissenschaftsfonds FWF genehmigt und finanziert worden war.

Viele Details über das Leben der Tiere haben Ringler, ihr Ehemann Max sowie Studierende der Wiener Universität bereits herausgefunden: so zum Beispiel, dass es die Väter sind, die sich als Alleinerzieher um die Babys kümmern. Sie tragen die an Land zur Welt gekommenen Kaulquappen ins Wasser, damit diese als Kiemenatmer überleben und sich zu erwachsenen Fröschen entwickeln können. Neuestes Forschungsergebnis: Erobern männliche Tiere ein neues Territorium, werden sie zunächst zu Kannibalen. Sie verspeisen das gesamte Gelege ihres Vorgängers. Ein solches Verhalten sei in der Literatur noch nirgends beschrieben, zeigte sich Ringler überrascht. Ist ein Territorium hingegen fest in ihrer Hand, tragen die Froschväter alle dort lebenden Kaulquappen fleißig ins Wasser, egal, ob es ihre eigenen sind oder es sich um „Kuckuckskinder" handelt.

 

Zurückhaltende leben länger

Weil Eva Ringler als Mutter zweier kleiner Kinder nicht immer in Südamerika sein kann, hat sie an der Wiener Universität gemeinsam mit der Veterinärmedizinischen Universität ein Labor eingerichtet, in dem sie weitere rund 100 Frösche beobachtet. Die Charaktertheorie, auf die sie dabei gestoßen ist, will Ringler nun in den kommenden Monaten im Regenwald überprüfen. „Wir simulieren zunächst Eindringlinge und sehen, wie die Tiere darauf reagieren", erklärt Eva Ringler. Diese Beobachtungen bilden die Basis für die Einteilung in „Draufgänger" und „Schüchterne". Die weitere Vermutung: „Die Zurückhaltenden haben in einer Fortpflanzungsperiode weniger Nachkommen, überleben aber länger und kommen daher im Endeffekt auf genau so viele Kinder wie ihre ungestümeren Artgenossen, die zwar pro Periode mehr Nachfahren haben, aber ihr Draufgängertum früher mit dem Leben bezahlen."

Die Ergebnisse will Ringler, die auch an der University of California in Los Angeles forschte und im Rahmen der Initiative „Women in Biology" Frauen den Zugang zu akademischen Karrieren erleichtert, nach Abschluss ihres Südamerika-Aufenthalts publizieren. Ihr nächstes Forschungsprojekt: die Rolle der Hormone auf das Sozialverhalten von Amphibien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2019)