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Intendantenreigen: Wie Theater-Salzburg doch nicht Köln wurde

Im Schlachthaus: Christoph Wieschke, Walter Sachers, Britta Bayer, Nikola Rudle in einer Inszenierung, die Horváths Maximen meist gerecht wird.
Im Schlachthaus: Christoph Wieschke, Walter Sachers, Britta Bayer, Nikola Rudle in einer Inszenierung, die Horváths Maximen meist gerecht wird.(c) Anna-Maria Löffelberger
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Vor einer Woche wurde Carl Philip von Maldeghem ans Schauspiel Köln bestellt, nach viel Kritik bleibt er doch in Salzburg – wo nun seine Inszenierung der „Geschichten aus dem Wiener Wald" Premiere hatte.

Nicht mit frenetischem Jubel, aber mit warmem Applaus quittierten die Salzburger Theaterfreunde am Samstag die jüngste Inszenierung ihres Intendanten Carl Philip von Maldeghem. Der erst am Freitag erklärt hat, dass er ihnen doch treu bleibe – nach einer kleinen Theaterposse. Eine Woche davor hatte die Kölner Oberbürgermeisterin ihn überraschend als Chef des Schauspiels Köln präsentiert, als Nachfolger von Stefan Bachmann, dem dort Mobbing vorgeworfen wurde.

Die Bestellung, die ohne Findungskommission passiert war, stieß auf Kritik. Maldeghem sei, schrieb die „Süddeutsche Zeitung", „was die oberen Etagen der Theaterszene betrifft, ein unbeschriebenes Blatt; als der ,innovative Regisseur‘, als der er in Köln angepriesen wird, hat er sich bisher nicht erwiesen". Es werde „ein konservatives ,Rollback‘ in Köln" befürchtet, für das es „überhaupt keinen Anlass" gebe.

 

Vorwurf: „Kein Risiko"

Elfriede Jelinek schrieb ans Schauspiel Köln, das – noch unter Intendantin Karin Beier, die heute am Schauspielhaus Hamburg ist – mehrere ihrer Stücke aufgeführt hatte: „Ich verstehe das nicht, niemand versteht es offenbar." Deutlicher wurde der Schriftsteller Navid Kermani: Er schrieb im „Kölner Stadtanzeiger" von einer „Demütigung" für die Stadt, die Devise hinter der Entscheidung sei offenbar „Nur kein Krach und kein Krawall" gewesen, Maldeghem sei nur „bequem, dankbar und pflegeleicht". Und Theaterkritiker und Kabarettist Stefan Keim meinte, die Stadt wolle offenbar „kein Risiko eingehen".

Maldeghem reagierte erstaunlich emotional: Er sei „schockiert von dem Mangel an Offenheit und Respekt", erklärte er, er werde dann doch in Salzburg bleiben, an dem sein Herz hänge. „Ich arbeite lieber für ein Publikum zwischen München und Wien als für ein paar Tausend „Theater heute"-Abonnenten, sagte er den „Salzburger Nachrichten": In Köln hätte er nur 100.000 Besucher pro Jahr, im Vergleich zu 170.000 in Salzburg.

Wo nun eben seine Inszenierung von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald" Premiere hatte – die Stefan Bachmann, dessen Nachfolger in Köln er fast geworden wäre, dort bereits inszeniert hat. Und davor schon 2010 im Wiener Akademietheater, mit Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek als Marianne und Alfred, die einfach nicht zueinanderpassten. Eine Inszenierung, der bescheinigt wurde, dass sie risikofreudig sei – was ja vielen Theaterkritikern als größtes Lob gilt –, aber auch, dass sie nicht wirklich gelungen sei.

 

Nach Horváths „Gebrauchsanweisung"

Wie risikofreudig und wie gelungen ist also Maldeghems Salzburger Inszenierung? Kurz gesagt: Risikofreudig ist sie nur selten, und das ist gut so. Denn wo sie es nicht ist, ist sie gelungen, das heißt, sie wird Horváth gerecht. Viele Regisseure drucken ja Horváths „Gebrauchsanweisung" ins Programm, nur wenige gehorchen ihr. Meldeghem nimmt Horváths Erklärung, in seinen Stücken gebe es „keine einzige parodistische Stelle", es dürfe „niemand als Karikatur gespielt werden" weitgehend ernst, er lässt die Pausen zwischen den Sätzen wirken, er belässt das gezwungene Hochdeutsch, mit dem Horváths Personen ihr Schicksal zu fassen versuchen, er redigiert die Feinheiten nicht, lässt z. B. textgetreu Alfred „Das Fräulein Braut haben geschwommen" und Marianne „Ich bin nicht geschwommen" sagen.

Auf die meisten Schauspieler kann sich Maldeghem nicht nur sprachlich verlassen: Sascha Oskar Weis ist ein nicht durchtriebener, nur getriebener Alfred; Walter Sachers ein über die eigene Sentimentalität gerührter Zauberkönig mit dem Habitus eines alten Austropoppers; Britta Bayer gibt die Valerie glaubhaft lebensgierig, Christoph Wieschke den Oskar als melancholischen Fleischberg. Nikola Rudle ist als Marianne so blass, wie man sein muss für diese Figur, die erst schmerzhaft zu sich findet auf der sauber gekachelten Bühne, in dieser Welt als Schlachthaus. Nur Gregor Schulz als deutschtümelnder Erich überschreitet die Horváth'sche Schranke zur Karikatur schmerzhaft.

Und wie so oft bei Horváth-Inszenierungen: Just der Einfall, mit dem ein Regisseur besonders originell sein will, funktioniert nicht. Diesfalls die Idee, aus der Großmutter, der Baronin und dem Beichtvater zusammen eine Art überirdisches Wesen zu machen, das von einer Empore aus spricht. Der Sinn erschließt sich nicht, auch geht die großartige Rolle der Großmutter verloren: als Einzige, die in diesem Stück wirklich böse zu sein scheint und einen grübeln lässt, wie das bei Horváth sein kann, der zu viel von Menschen versteht, um sie in Gut und Böse zu teilen.

Ja, und da ist – leider – noch die Heurigenszene, die Maldeghem rein parodistisch anlegt, mit Trinken aus Dopplern usw. Wir wollen nicht hoffen, dass dieses Zerrbild aus der Bundeshauptstadt landeshauptstädtische Herzen erfreut. Schon gar nicht annehmen, dass der Intendant mit diesem Effekt spekuliert. Erhalten bleibt er seinen Salzburgern jedenfalls, sie können zufrieden sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2019)